Rückzug vom Ausbau: Mühlener Brücke bleibt

Die Koalition will jetzt wieder auf den Neubau verzichten. Wegen der Kosten. Warten auf Bau der Rückhaltebecken des WVER.

Foto: J. Lange
Foto: J. Lange

„Der Stadtteil darf nicht weiter abgehängt werden“: Das erklären führende Vertreter der großen Koalition Anfang 2016 gegenüber unserer Zeitung, als sie ihre Elegie über die Mühle anstimmen. Wenige Tage vorher haben sie mit dem Haushalt 2016 Geld für eine neue Heinrich-Heimes-Brücke auf der Mühle bereitgestellt. 2016 soll die Planung erfolgen, 2017 soll gebaut werden.

 

Vollmundig folgt im Juni 2016 ein gemeinsamer Antrag von CDU und SPD im Stadtrat, die Sanierung der Brücke auf den Weg zu bringen: „Weder für die gewerblichen Anlieger noch für die Bewohner ist diese Abbindung als Dauerlösung akzeptabel“, formulieren Jochen Emonds und Dieter Wolf: „Die dauerhafte Abbindung würde auch die Anstrengungen zur Aufwertung der gesamten Innenstadt konterkarieren“, erklären die beiden Fraktionsvorsitzenden. „Auch der optische Eindruck und der Sackgassencharakter des abgebundenen Teils der Eschweilerstraße rechtfertigt unseren Antrag ...“

 

Aber heute schlägt die große Koalition schon wieder ein neues Kapitel auf in der endlos erscheinenden Enzyklopädie der Heinrich-Heimes-Brücke. Sie will erst einmal auf den Neubau verzichten und abwarten, bis der Wasserverband Eifel-Rur (WVER) die für den Hochwasserschutz in Stolberg erforderlichen Rückhaltebecken am Vichtbach bei Mulartshütte und Rott errichtet hat. Das bestätigen übereinstimmend Jochen Emonds (CDU) und Patrick Haas (SPD) auf Anfrage unserer Zeitung: „Die Mehrkosten für die Realisierung der Brücke sind zu hoch“, begründen die beiden Fraktionsvorsitzenden ihre Haltung, die am Montag noch einmal im gemeinsamen Koalitionsausschuss diskutiert werden soll.

 

Der Hintergrund erscheint wie ein Déjà-vu: Die Untere Wasserbehörde hat die neuen Pläne für den Brückenneubau nicht genehmigt, weil sie nicht den Erfordernissen eines statistisch gesehen alle 100 Jahre eintretenden Hochwassers (HQ 100) entsprechen – wieder einmal, denn bereits vor zehn Jahren war das bei einem Entwurf der Fall. Seitdem haben sich die Vorschriften der Wasserbehörde weiter verschärft.

 

Ohne eine Genehmigung der Unteren Wasserbehörde darf aber keine neue Brücke errichtet werden, selbst wenn sie bessere Hochwassereigenschaften aufweist, als das bestehende Bauwerk aus den 1930er Jahren mit Mittelpfeiler: Es genießt Bestandsschutz.

 

Rund eine gute Million Euro –und damit 0,4 Millionen Euro mehr als im Haushalt bereitstehen – würde die nun neu geplante, aber nicht genehmigungsfähige Brücke kosten. Sie würde 23 Zentimeter höher liegen als das heutige Bauwerk. Aber nach den aktuellen Hochrechnungen der Wasserbehörde würde sie bei besagten HQ 100 überspült. Würde die Brücke 40 Zentimeter höher ausfallen, würde das Hochwasser zwar unter ihr durchlaufen, aber selbst dann fehlen 50 Zeitmeter Freibord: Luftraum zwischen Wasserober- und Brückenunterkante.

 

Seit dem negativen Bescheid der Wasserbehörde spielen Verwaltung und Ingenieurbüro alle möglichen Szenarien durch. Eine Möglichkeit wäre, bei einer 40 Zentimeter höheren Brücke einen Grobrechen in der Vicht vor der Altstadt zu installieren, um beispielsweise von Hochwasser mitgerissene Baumstämme zu stoppen. Der kostet gut 150 000 Euro mehr. Aber bei einer 40 Zentimeter höheren Brücke würde es Probleme geben, sie an die Eschweiler- und Eisenbahnstraße anzubinden.

 

Eine andere Alternative wäre ein Trogbauwerk, wie es für die Euregiobahn im Atscher Lehmsiefen gebaut wurde, das vom Wasser notfalls umspült werden könnte. So ein Betontrog würde für zusätzliche 400 000 Euro zu haben sein. Nachteil wäre neben der Optik, dass die Lasten tragenden Überzüge eben oben über die Seitenwände des Trogs laufen würden. Bei einem Verkehrsunfall könnten sie so beschädigt werden, dass die Brücke erneuert werden müsste.

 

Denkbar ist auch eine „holländische Lösung“: eine Hydraulik, die bei Hochwasser die Brücke einfach höher fahren würde. Die Mehrkosten dieser Variante sind nicht genau bekannt, dürften aber ebenfalls bei 400 000 Euro rangieren zuzüglich der kontinuierlichen Folgekosten für Instandhaltung und Betrieb der Hydraulik.

 

Andere Varianten und ihre Kostenentwicklung sind eine Frage des Geschmacks: Abriss und Bau einer Fußgängerbrücke, was vielleicht mit einer halbe Million Euro zu Buche schlagen könnte.

 

Die große Koalition scheint derzeit aber die britische Variante zu befürworten: Abwarten und Tee trinken – und darauf hoffen, dass die marode Heinrich-Heimes-Brücke noch einige Jahre durchhält. Denn CDU und SPD scheuen auf der Mühle die über die eingeplanten 0,9 Millionen Euro hinaus gehenden Mehrkosten für einen genehmigungsfähigen Neubau.

 

Christ- und Sozialdemokraten machen eine andere Rechnung auf: Wenn der WVER seine Rückhaltebecken baut, dann entspannt sich die Hochwassersituation auf der Mühle. Und damit könne eine kostengünstigere als die heute diskutierten Varianten realisiert werden. Bis dahin sollen nur die Leitungen der Telekom neu und ordentlich verlegt werden, die derzeit mittels provisorischer Medienbrücke die Vicht überqueren, und das Umfeld ein wenig „aufgehübscht“ werden. Allerdings bauen die Koalitionäre ihre Hoffnungen auf sandigem Boden: Niemand kann heute vorhersagen, wann die Rückhaltebecken auf Roetgener Gemeindegebiet wirklich gebaut werden.

 

Denn der WVER überarbeitet derzeit selbst seine eigenen Planungen, nachdem aktualisierte Wetterdaten zur Verfügung stehen. War bislang von zwei Auffangbecken mit 825 000 Kubikmeter unterhalb von Rott und 405 000 Kubikmeter unterhalb von Mulartshütte die Rede, so werden nun Volumina von 880 000 und 440 000 Kubikmeter zugrunde gelegt. Die beiden Standorte sollen im Prinzip bestehen bleiben, aber höhere Einfassungen und eine Vergrößerung der Flächen sind erforderlich. Zudem sollen die bisher vorgesehenen starren Auslässe aus den Becken nun durch eine aktive Steuerung ersetzt werden. Dadurch kann eine bessere Ausnutzung der Stauvolumina erreicht werden.

 

Die komplexen Planungen laufen. Mit dem Einreichen der Genehmigungsplanung bei der Kölner Bezirksregierung rechnet der WVER frühestens für Mitte des nächsten Jahres. Danach erst kann das Planfeststellungsverfahren in Gang gesetzt werden. Zu dessen zeitlichen Verlauf kann der WVER keine seriöse Schätzung abgeben, da mit Widerständen aus der Bevölkerung sowie juristischen Klagen gerechnet werden müsse.

 

Selbst wenn der WVER sein Vorhaben zur Rechtskraft bringen kann, muss noch das Geld für den Bau der Becken aufgebracht werden. Wann also der Hochwasserschutz für Stolberg realisiert wird und somit nach den Plänen der Koalitionäre die Heinrich-Heimes-Brücke angepackt werden kann, steht in den Sternen. Dabei können bereits ab einem 20-jährlichen Hochwasser die Vicht deutliche Schäden in der Altstadt anrichten; 2014 wurde diese Marke knapp unterschritten. In der Altstadt fehlte nur eine Handbreit bis zum Überlaufen, und auf der Mühle kratzte das Hochwasser an der Unterseite der Heinrich-Heine-Brücke.

 

Wieder wird ein neues Kapitel in der Historie der Brücke aufgeschlagen, die nach dem jüngsten am 4. Dezember 1914 im Weltkrieg gefallenen Kriegsfreiwilligen Stolbergs benannt ist.

 

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

Kandidat für den Städteregionsrat
Dr. Tim Grüttemeier

 

Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)

in der StädteRegion Aachen

Martinstraße 8

52062 Aachen

 

Telefon: 0241 / 470 71 70
Telefax: 0241 / 470 71 77
E-Mail: gruettemeier@cdu-staedteregion-aachen.de

Für den Newsletter anmelden:

Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.