„Politik und Verwaltungen in der Pflicht“

Interview: Irene Jacobs betreibt seit 20 Jahren ihr Reittherapiezentrum. Keine öffentliche Förderung mehr für Kinder mit Handicap.

Foto: D. Müller
Foto: D. Müller

Das Reittherapiezentrum „Kids auf Trab“ feiert am Sonntag, 2. September, ab 14 Uhr sein 20-jähriges Bestehen an der Hastenrather Straße 103. Mit der Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft, Irene Jacobs, sprach Dirk Müller über die Anfänge und die Entwicklung des Therapeutischen Reitens am Donnerberg, für das Kinder mit Krankheit oder Handicap seit 2010 keine öffentliche Förderung mehr erhalten.

 

Wie sind Sie von Aachen in die Kupferstadt gekommen?

 

Jacobs: Stolberg kannte ich als begeisterte Dressurreiterin zunächst von den Turnieren des Reitervereins Büsbach und der Reitergemeinschaft Stolberger Pferdefreunde. Nach Abschluss des Studiums der Erziehungswissenschaften in Aachen begann ich als Leiterin des Sozialen Dienstes in der Vichter Pfarre St. Johannes Baptist zu arbeiten. Damals wohnte ich zwar noch in Aachen, habe aber mein Pferd nach Büsbach geholt, damit ich von der Arbeit aus schneller dort sein konnte. 1998 wurde mir dann ein freies Immobilienobjekt angeboten. Ich habe es gesehen, mich verliebt und Haus und Hof an der Hastenrather Straße gekauft und bin nach Stolberg gezogen.

 

Wann und wie haben Sie selbst mit dem Therapeutischen Reiten begonnen?

 

Jacobs: Die Kombination aus Tieren, Reiten und Therapie für Kinder habe ich bereits beim Studium im Fokus gehabt. Meine 1987 fertiggestellte Pädagogik-Diplomarbeit hatte denn auch das Thema „Gesellschaftliche Integration von Behinderten durch Sport am Beispiel Therapeutisches Reiten“. 1992 habe ich die Weiterbildung zur Reit-Pädagogin abgeschlossen und – noch in Büsbach – mit meinem Pferd begonnen, therapeutisch zu arbeiten. 1998 erfolgte die Gründung des eigenen Reittherapiezentrums.

 

Wie gestalten sich die Gründerjahre?

 

Jacobs: Sehr gut, das Angebot sprach sich schnell herum, und aus einem Pferd wurden bald mehr. Die Regenbogenschule nutze zuerst das Therapeutische Reiten bei uns, dann folgten die LVR-Gutenberg-Schule, die Willi-Fährmann-Schule Eschweiler/Stolberg, die Kinder- und Jugendpsychiatrie Aachen und die Schule für Erziehungshilfe Aachen. Heute profitieren circa 100 Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene in der Woche von unserem reittherapeutischen Angebot. Darunter sind Kids mit Lern- und Sprachbehinderungen, Verhaltensauffälligkeiten, geistiger Behinderung, psychischen Problemen, Mehrfachbehinderungen, Entwicklungsverzögerungen und Sinnesbehinderungen. Uns ist sehr wichtig, dass wir ihnen über die heilpädagogische Förderung und ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd hinaus ein ganzheitliches Förderkonzept anbieten.

 

Worin besteht dieses ganzheitliche Konzept?

 

Jacobs: Körperlich fördert das Therapeutische Reiten Motorik und Gleichgewichtssinn. Kids, die den großen Pferden aber zuerst einmal ängstlich gegenüberstehen, können bei uns auch „klein anfangen“. Dabei kommen die anderen Tiere ins Spiel und vor allem die Förderung der sozialen Kompetenzen. Wir haben derzeit sechs Pferde, zwei Hunde, drei Ziegen, zwei Mini-Schweine, die doch recht stattlich sind, vier Hühner und drei Kaninchen. Angesichts der Tiere verschwinden bei den Kids Schüchternheit oder auch Abwehrhaltung relativ schnell. Sie lernen, dass die Tiere versorgt werden müssen. Füttern, Putzen, Ausmisten, Streicheln und Reiten – das heißt auch Fühlen, Riechen, Anpacken und selbstverständlich Verantwortung übernehmen. Die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen springen dabei oft über ihren eigenen Schatten, entwickeln Selbstbewusstsein, Mut und Selbstvertrauen. Die Konzentrationsfähigkeit wird ebenso gefördert wie Kommunikations- und Sprachentwicklung und auch das Sozialverhalten, weil Freundschaften entstehen mit Tieren, Kindern und Erwachsenen. Und auch die Eltern sind in das ganzheitliche Konzept integriert.

 

Inwiefern sind die Eltern einbezogen?

 

Jacobs: Es ist für uns sehr schön, zu erleben wie auch die Eltern „Kids auf Trab“ als eine kleine Oase wahrnehmen. Sie feiern zum Beispiel mit uns oder richten auch Kindergeburtstage bei uns aus. Die Eltern sehen, wie gut die Therapie ihren Kindern tut, und genießen auch selbst die Auszeit im Grünen und die familiäre Atmosphäre bei uns. Und sie finden hier immer ein offenes Ohr.

 

Welche Veränderungen am Gelände haben Sie in den zwei Jahrzehnten vorgenommen?

 

Jacobs: Den Reitplatz gab es 1998 schon, aber um witterungsunabhängig mit den Kids arbeiten zu können, haben wir eine Reithalle gebaut. Damit Wartezeiten überbrückt werden können, und um unsere ganzheitliches Konzept zu ergänzen, haben wir eine Wippe und ein Holzpferd, Fußballtore und Basketballkörbe errichtet und einen Erlebnis-Wald für Kinder gebaut. Hinzu kamen Pflasterarbeiten und Ertüchtigungen von Zäunen und Toren, die wie das komplette Gelände laufend instandgehalten werden müssen.

 

Hohe Investitionen, Unterhalt des Geländes und kostspielige Tierhaltung – rentiert sich das Reittherapiezentrum überhaupt und lohnt sich der Betrieb?

 

Jacobs: Ganz klar ist, dass sich unsere Arbeit lohnt, weil wir so viele glückliche Kindergesichter sehen. Die Kids freuen sich, zu uns zu kommen, und viele sind über einen längeren Zeitraum bei uns und mit und dem Team natürlich längst ans Herz gewachsen. Ich bin Überzeugungstäterin und liebe die Arbeit mit den Kindern und den Tieren. Zumal wir einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Kinder mit Handicap leisten. Mittel- und Langfristige Therapieerfolge sind für uns eine tolle Belohnung, ebenso wie, dass wir täglich erleben, wie der Umgang mit den Tieren für die Kinder einen unmittelbaren, direkten Effekt mit sich bringt: echte Lebensfreude. So gesehen lohnt sich „Kids auf Trab“ ganz sicher, wobei es wirtschaftlich schwierig und finanziell immer wieder eine Gratwanderung ist, den Betrieb aufrechtzuerhalten.

 

Worin sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten begründet?

 

Jacobs: Die Tierhaltung bringt hohe Kosten mit sich. Futter, Wasser, Stroh und Heu, Tierarzt, Hufschmied und auch Materialien wie Sättel und Zaumzeug wollen bezahlt werden. Investitionen und Instandhaltung des Geländes gehen ins Geld, und die laufenden Kosten für Grundbesitzabgaben, Versicherungen und Energie müssen gestemmt werden. Es ist schwer, die Kosten mit dem Betrieb des Reittherapeutischen Zentrums decken, zumal seit 2010 das Therapeutische Reiten nicht mehr im Rahmen der Eingliederungshilfe öffentlich gefördert wird. Daher wünsche ich mir auch von dem künftigen Städteregionsrat oder der künftigen Städteregionsrätin, diese Förderung für die Kinder wieder zur Verfügung zu stellen. Als 2010 die Förderung eingestellt wurde, mussten alleine bei uns 30 Kinder mit der Therapie aufhören, weil die öffentlichen Gelder gestrichen wurden, und die Eltern sich die Therapie für ihre Kinder nicht leisten konnten.

 

Wie schaffen Sie es dennoch, das Angebot von „Kids auf Trab“ aufrechtzuerhalten?

 

Jacobs: Das geht nur, weil meine Eltern und vor allem meine drei Söhne tatkräftig mit anpacken, weil einige Sponsoren uns dankenswerter Weise unterstützen, und weil es Vereine gibt, die sich für Kinder mit Handicap und Krankheiten da einsetzen, wo Politik und Verwaltungen es nicht mehr machen. Bei uns sind das die Vereine Menschenskind in Stolberg, der Förderkreis schwerkranke Kinder in der Region Aachen und der Förderverein Bayard Aachen für Reittherapie in der Euregio. Diese Vereine übernehmen die Kosten für Therapie-Einheiten, und es ist großartig, dass sie sich für die Kinder engagieren. Allerdings können die Vereine längst nicht allen kranken und gehandicapten Kindern in der Region die Förderung ermöglichen, so dass Politik und Verwaltungen in der Pflicht sein sollten, diesen Kids Lebensfreude und Förderperspektiven durch Therapeutisches Reiten zu geben.

 

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

Kandidat für den Städteregionsrat
Dr. Tim Grüttemeier

 

Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)

in der StädteRegion Aachen

Martinstraße 8

52062 Aachen

 

Telefon: 0241 / 470 71 70
Telefax: 0241 / 470 71 77
E-Mail: gruettemeier@cdu-staedteregion-aachen.de

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