„Zahl der Organspender sinkt dramatisch“

Ulf Neumann, Leiter der Transplantationschirurgie des RWTH-Klinikums, Alarm. Podium für am 5. September soll Informieren.

Foto: Alois Müller (RWTH)
Foto: Alois Müller (RWTH)

Manchmal bleiben nur wenige Tage. Wenn einem Menschen mit akutem Leberversagen dann kein Spenderorgan zur Verfügung steht, gibt es kaum eine Chance auf Rettung. In Deutschland warten aktuell etwa 10 000 Schwerkranke auf ein neues Organ. Doch 2017 gab es nur knapp 800 Spender - der niedrigste Stand seit 20 Jahren. Professor Dr. Ulf Peter Neumann beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Der Leiter der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie an der Uniklinik RWTH Aachen spricht mit Katharina Menne über die strukturellen Probleme im Organspendesystem und die Chance, einem anderen Menschen ein neues Leben zu schenken.

 

Herr Neumann, seit wann haben Sie selbst einen Organspendeausweis?

 

Neumann: Ich habe einen solchen Ausweis seit ich in Berlin Ende der 80er Jahre im Rahmen des Studiums Blut gespendet habe. Dort lagen Informationen dazu aus und dann habe ich einen Ausweis mitgenommen und ausgefüllt. Damals hatte ich aber noch nichts mit der Transplantationsmedizin zu tun.

 

Wie hat sich denn dann Ihr medizinisches Interesse in diese Richtung entwickelt?

 

Neumann: Dass ich einmal etwas mit Chirurgie machen will, stand schon lange fest. Die Mischung aus akademischer Tätigkeit zusammen mit handwerklichen Fähigkeiten – das liegt mir gut. Anfangs war die Frage, ob ich Traumatologie oder Viszeralchirurgie machen möchte. Ich habe dann in verschiedenen Bereichen hospitiert. Meine Wahl ist letztlich auf die Viszeralchirurgie gefallen, weil ich gerade auch in der Transplantationsmedizin die komplexesten Eingriffe gesehen habe.

 

Sie sind mittlerweile Spezialist für Lebertransplantationen. Wie viele Menschenleben retten Sie im Jahr?

 

Neumann: Wir transplantieren hier in Aachen im Jahr etwa 50 Lebern und rund 30 Nieren. Das ist einer unserer Schwerpunkte. Das besonders erfreuliche bei Lebertransplantationen ist die gute Prognose. Wenn die Patienten die Notwendigkeit einer Lebertransplantation haben, haben sie in der Regel nur noch wenige Wochen bis Monate zu leben, sind also wirklich todkrank. Wenn sie die Operation gut überstehen – und das tun die meisten – können sie danach ein völlig normales Leben führen mit Familie, Beruf und allem was dazu gehört. Es ist eins der effizientesten Verfahren, das wir in der Medizin haben.

 

Damit ein Organ entnommen und verpflanzt werden kann, muss vorher jemand für hirntot erklärt worden sein. Da gibt es nichts zu beschönigen. Doch mit dem eigenen Tod beschäftigen sich die wenigsten Menschen gerne. Wie ist die Spendenquote zurzeit?

 

Neumann: Im vergangenen Jahr gab es 797 Organspender. Damit sind wir unter eine Quote von zehn Organspendern pro einer Million Menschen gefallen und haben so eine der schlechtesten Organspenderaten in Europa. Das deutsche System ist extrem insuffizient. In Spanien gibt es locker fünfmal so viele Spender.

 

Woran liegt das?

 

Neumann: Die Probleme sind vielfältig. Wir waren aber ohnehin noch nie unter den spendefreudigsten europäischen Ländern. Auch vor 2012 nicht, dem Jahr mit dem Transplantationsskandal. Aber man muss das relativieren. In der Organspende selbst gab es nie einen Skandal oder Unregelmäßigkeiten. Das Problem war damals die Verteilung der Spenderorgane. Da wurden Patientendaten gefälscht, um ihnen einen besseren Platz auf der Warteliste für eine Lebertransplantation zu verschaffen. Trotzdem ist danach die Spendenbereitschaft spürbar abgefallen. Die öffentliche Wahrnehmung der Transplantationsmedizin hat darunter extrem gelitten. Aber andererseits muss man auch darüber nachdenken, ob die Strukturen hier in Deutschland ideal sind: Ob alle Spender, die infrage kommen, auch wirklich identifiziert werden, und die notwendigen Gespräche mit den Angehörigen geführt werden.

 

Anfang Juli wurde eine Studie veröffentlicht, die zu dem Schluss kommt, dass die Bereitschaft zur Organspende aktuell sogar steigt, aber die Organentnahme selbst sinkt. Das wäre ja eindeutig ein strukturelles Problem…

 

Neumann: … ja, das muss man in Teilen wohl so sehen.

 

Haben Sie als direkt Betroffener Lösungsvorschläge, was die Politik tun könnte, um das zu ändern? Dann wäre es ja vielleicht gar nicht zu solchen Unregelmäßigkeiten wie 2012 gekommen?

 

Neumann: Ich glaube, dass einfach mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt werden müssen, um flächendeckend Koordinatoren einstellen zu können. Das ist ein sehr schwieriger Prozess so eine Organspende. Die Menschen, deren Gespräch man suchen muss, haben gerade – meist völlig überraschend durch einen Unfall – einen Angehörigen verloren und sollen sich jetzt neben der Trauerbewältigung mit einer so tiefgreifenden Frage auseinandersetzen. Das erfordert viel Einfühlungsvermögen. Eine Professionalisierung der Strukturen an allen großen Kliniken ist wirklich entscheidend.

 

Wie sehen Sie die Situation an der Uniklinik RWTH Aachen?

 

Neumann: Bei uns funktioniert das relativ gut. Wir haben eine solche Koordinatorin, Melanie Schäfer, und sind deshalb relativ erfolgreich im Transplantationsbereich und fachlich gut aufgestellt. Die Kommunikation muss ja über verschiedene Abteilungen hinweg funktionieren. Denn die hirntoten Patienten, also die potentiellen Spender, liegen meist auf den neurochirurgischen Stationen, seltener in der Kardiologie, und die Organempfänger sind bei uns in der Transplantationsmedizin registriert. Da braucht es jemanden, der das im Blick hat.

 

Wie erleben Sie die Dankbarkeit der erfolgreich transplantierten Patienten?

 

Neumann: Menschen, die auf eine neue Leber warten, sind schwerstkrank, haben oft nur noch wenige Tage zu leben und sind deshalb natürlich im höchsten Maße dankbar über ein Spenderorgan. Viele meiner Patienten sind noch recht jung und leiden an einer angeborenen Autoimmunerkrankung, einer Stoffwechselkrankheit, Leberzirrhose oder auch Krebs. Virale Hepatitis als Ursache ist durch verbesserte Therapiemöglichkeiten mit Medikamenten weniger geworden. Wenn man über eine lange Zeit kaum noch etwas machen konnte und dann plötzlich wieder ein normales Leben führen kann, Frauen sogar wieder Kinder kriegen können, dann ist das natürlich extrem positiv und die Dankbarkeit nahezu greifbar.

 

Was hat sich denn in der Transplantationsmedizin in den vergangenen Jahren getan?

 

Neumann: Das Fachgebiet hat sich über die letzten 50 Jahre entwickelt. Seit den 80er Jahren ist es die Standardtherapie für das Leberversagen. Anders als bei der Niere gibt es keine Ersatzverfahren, es muss also transplantiert werden. Die Überlebensraten sind mittlerweile wirklich sehr gut und liegen bei etwa 80 Prozent nach 5 Jahren. Am meisten getan hat sich bei den Immunsuppressiva, die die Transplantierten nehmen müssen, damit das Organ nicht abgestoßen wird. Es gibt noch immer Nebenwirkungen, aber die Dosierung konnte verringert und optimiert werden. Vollständige Toleranz ohne Medikamente erreichen wir leider noch nicht.

 

Was halten Sie von der diskutierten Widerspruchslösung? Also davon, dass man automatisch Spender ist, wenn man nicht explizit und ausdrücklich einer Organentnahme nach dem Tod widersprochen hat.

 

Neumann: Da gibt es zwei Aspekte. Die organisatorisch-strukturellen Probleme löst das nur teilweise. Aber wir sehen, dass Länder mit hohen Organspendequoten meist eine solche Widerspruchslösung haben. Belgien zum Beispiel. Die Niederlande führen es gerade ein. Das macht es also deutlich einfacher, potentielle Spender zu identifizieren. Es zwingt die Menschen gewissermaßen dazu, sich zu Lebzeiten mit der Frage der Organspende auseinanderzusetzen. Ich halte die Widerspruchslösung für keine schlechte Option, aber sicherlich ist es nicht das Allheilmittel.

 

Man sieht aber zurzeit, dass es schon schwer genug ist, Leute über die aktuelle Form der Organspende aufzuklären. Dann wäre es ja noch viel wichtiger, alle Menschen zu erreichen und zu einer Entscheidung zu bringen. Wie soll das dann gehen?

 

Neumann: Wir müssen eine Lösung für das Problem finden, dass wir in Deutschland einfach viel zu wenig Spender haben, viel weniger als in den anderen Ländern Europas. Und zwar nicht ein bisschen, sondern deutlich. Diese Länder haben die gleichen ethisch-moralischen Grundsätze wie wir – ticken also nicht völlig anders. Die Programme, die zurzeit angeboten werden, werden einfach nicht genug wahrgenommen. Mit einer Widerspruchslösung wäre das sicher anders, dann hätte die Information eine ganz andere Relevanz. Denn wer spricht schon einfach mal konzentriert über Organspende – vor allem auch mit Kindern?

 

Was wäre Ihr stärkstes Argument für die Organspende?

 

Neumann: Die Organtransplantation ist eine der effizientesten Therapien, um Mitmenschen ein normales Leben zu ermöglichen, die sonst dem Tod geweiht wären – ohne dass man nach meinem Ermessen Schaden daran erleidet.

 

Kann man sich als Organempfänger eigentlich bei der Familie des Spenders bedanken?

 

Neumann: Aus datenschutzrechtlichen Gründen ist das schwierig. Früher gab es Dankesbriefe, die über das DSO übermittelt wurden – das haben neue Datenschutzregeln allerdings erschwert. Aber die Spende bleibt in Deutschland unter allen Umständen anonym. Der Empfänger wird niemals erfahren, wessen Leber, Herz oder Lunge in seinem Körper weiterarbeitet.

 

Muss man sich aus dem christlichen Impuls der Nächstenliebe heraus nicht fast schon zur Organspende verpflichtet fühlen?

 

Neumann: Das stimmt. Es ist die Möglichkeit, anderen Menschen das Leben zu verlängern, ihnen fast schon ein neues Leben zu schenken. Es gibt in ethischer Hinsicht, soweit ich weiß, keine Uneinigkeit in den christlichen religiösen Institutionen. Man hat es nur nicht geschafft, die Wichtigkeit des Themas hinreichend in die Gesellschaft zu transportieren. Man muss die vorhandene Spendenbereitschaft einfach besser nutzen.

 

Organspende-Initiative der DAK

  • Die Zahl der Organspenden hat im Jahr 2017 einen neuen Tiefstand erreicht. Insgesamt ging die Anzahl der gespendeten Organe noch einmal um 9,5 Prozent zurück. Während bundesweit die Spenderrate 2008 pro eine Million Einwohner bei 14,8 Prozent lag, ist sie im vergangenen Jahr auf 9,7 Prozent gesunken.
  • Die Gründe für diesen Rückgang sind vielfältig. Skandale um die vergabe von Organen schlechte organisatorische Strukturen in Kliniken sind zwei davon. Bei einer Podiumsdiskussion im Zinkhütter Hof in Stolberg am Mittwoch, 5. September, 19 Uhr, veranstaltet von der DAK, soll im Gespräch mit Experten auf die Probleme in dem Themenfeld eingegangen werden und über Fragen aufgeklärt werden.
  • „Für die betroffenen Menschen, die seit Jahren auf ein lebensrettendes Spenderorgan warten, ist die derzeitige Entwicklung dramatisch“, sagt NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), der die Schirmherrschaft übernommen hat.
  • Teilnehmer der Diskussion sind: Dr. Patrick Hamid Alizai, Oberarzt an der Klinik für Transplantationschirurgie der Uniklinik der RWTH Aachen, Dr. Gero Frings, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Transplantationsbeauftragten NRW, Gunter Breitenbach von der Selbsthilfegruppe Organtransplantierer NRW und Klaus Overdiek, Leiter der NRW-Landesvertretung der DAK-Gesundheit. Moderiert wird die Veranstaltung von Redakteurin Katharina Menne.
  • Anmeldungen bitte unter:  www.dak.de/organspende-aachen

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

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Dr. Tim Grüttemeier

 

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