„Das bestgeführte Obdach, das ich kenne“

Der Kelmesberg ist das Revier von Polizeihauptkommissar Winfried Heinen. Bei Sorgen den Beamten ansprechen.

Foto: J. Lange
Foto: J. Lange

„Vor fünf Jahren war der Kelmesberg noch ein Sodom und Gomorrha“, sagt Winfried Heinen. 2013 spitzt sich die Situation in und um das städtische Obdach zu. Da fährt einer mit einem Auto eine Treppe hoch, das dann in Flammen aufgeht. Als die Feuerwehr kommt, werden Bierflaschen aus dem Fenster geworfen. Ein anderes Mal zückt ein Bewohner ein Fleischerbeil und bedroht andere damit. Immer wieder muss die Polizei anrücken. Belästigungen, Bedrohungen, Straftaten – die Palette ist breit gefächert.

 

Die Stadt ruft an einem runden Tisch alle möglichen Behörden und Institutionen zusammen. Die Lage wird analysiert, Konsequenzen werden gezogen. Ein Hausmeister und ein Sozialarbeiter werden engagiert, ein Zaun wird zur Neubausiedlung gezogen. Und in dieser Zeit übernimmt der Polizeihauptkommissar als Bezirksbeamter das Revier, in dem der Kelmesberg liegt. Es umfasst rund 12 000 Einwohner – von Büsbach und Münsterbusch bis in die Altstadt.

 

„Aber ich bin fast jeden Tag am Kelmesberg“, sagt Heinen. Er kennt die Bewohner und ihre individuellen Geschichte. Sie kennen ihn. Wer neu ins Obdach kommt, hat einen „Vorstellungstermin“ bei ihm. Damit jeder weiß, woran er ist. So lernt Heinen viele Menschen kennen. Die Fluktuation ist hoch auf dem Kelmesberg. Stets zwischen 60 und 80 Personen sind in der letzten Zeit dort untergebracht, schätzt Heinen, aber: „Die Hälfte verlässt das Obdach im ersten Jahr.“

 

Viele der untergebrachten Menschen haben Probleme. Einige mit Drogen und Alkohol, berichtet der Polizeibeamte. „Da liegt es auf der Hand, dass es immer wieder Mal zu Streitigkeiten und Ruhestörungen kommt“, sagt Heinen und schränkt sogleich ein. Verglichen mit früheren Zeiten sei die Lage aber geradezu harmlos geworden. Damals, als die Kelmesberg-Szene berüchtigt war. Sie bestand aus einschlägigen Bewohnern, ihren befreundeten Besuchern und Dritten, die einfach dazukamen, erinnert Heinen sich: „Da war Zoff vorprogrammiert.“ Über die Jahre ist diese harte Szene zerschlagen. Durch Wohnungswechsel, und auch durch den Antritt von Haftstrafen. „Sie basierten zumeist auf Delikten, die die Szene untereinander austrug“, sagt Heinen. Vor allem Körperverletzungen und Diebstähle des Wenigen, das die im Obdach untergebrachten Menschen besitzen.

 

„Der Eindruck täuscht“, erläutert der Bezirksbeamte bezüglich der Interpretationen von Anwohnern des Eburonen- und Gallierwegs zur Inhaftierung eines Wortführers. Der Rädelsführer habe zwar seine Kumpane im Griff gehabt, aber die „für sich“ eingesetzt. Und das habe wenig mit einem vermeintlichen Schutz der Nachbarn zu tun gehabt. Seitdem der Mann seine Haftstrafe angetreten hat, sei es eher ruhiger am Kelmesberg geworden.

 

Diesem Trend stünden auch die 13 Strafenzeigen aus dem Neubaugebiet seit Mai nicht entgegen. „Die Zahl liegt zwar quantitativ höher als im Umfeld, aber qualitativ auf einem niedrigen Niveau“, interpretiert Heinen die polizeiliche Sicht der Dinge. Dabei will er das subjektive geringe Sicherheitsempfinden der Bewohner nicht in Abrede stellen. „Solche Sachen sorgen immer für Angst und Verärgerung.“ Solche Sachen sind in diesem Fall ein von einer Terrasse gestohlenes Fernsehgerät, ein aufgebrochener Baucontainer, Schmierereien, abgebrochene Autospiegel und Ähnliches. Das sind im polizeilichen Alltag eher Kleinigkeiten, die die Betroffenen aber um so mehr aufregen können.

 

„Mich wundert mehr, warum ich selbst nie im Neubaugebiet angesprochen worden bin“, sagt Heinen. Fast täglich fahre er über Ebuoren- und Gallierweg, über Brocken- und Bauschenberg zum Kelmesberg. „Langsam, eben damit man mich auch ansprechen kann.“ Als Bezirksdienstbeamter ist es sein Job, sich um Straftaten wie auch all die Kleinigkeiten, die verärgern, zu kümmern. „Vieles lässt sich einfach lösen“, meint Heinen. Eine persönliche Ansprache der Delinquenten bewirke oft Wunder. Man dürfe nicht vergessen, dass einige Bewohner auch eine besonders schwere Sozialgeschichte haben. Und auch die Unterbringungssituation vielfach mit mehreren unterschiedlichen Personen in einer Wohnung mit belegten Durchgangszimmern mache die Sache nicht einfacher.

 

Da arbeitet Heinen Hand in Hand mit Hausmeister Peter Nießen und Andreas Dittrich, dem Sozialarbeiter des SKM für den Kelmesberg, eng zusammen. Monatlich tagt die große Sicherheitsbesprechung mit Vertretern von Sozialamt und weiteren Behörden. Ein engmaschiges Netzwerk ist geknüpft, um sich den immer wieder auftretenden Problemen zu stellen und darauf zu reagieren.

 

„Es wird sich intensiv gekümmert um den Kelmesberg und seine Bewohner“, konstatiert Winfried Heinen. Und ergänzt aus seiner langjährigen Erfahrung: „Ich kenne kein Obdach, das so gut geführt ist wie der Kelmesberg.“ Wobei Heinen selbstverständlich auch nicht verschweigt, dass immer wieder einmal Probleme auftreten, mal geballter, mal seltener. „Aber es wird darauf reagiert; wir kümmern uns.“

 

Das gilt auch für die Beschwerden aus der Nachbarschaft. Seitdem ist auch der normale Streifendienst wieder häufiger auf dem Kelmesberg und in seiner Umgebung anzutreffen. Und es ist wieder deutlich ruhiger geworden in und rund um das Obdach herum. So hat es jedenfalls Winfried Heinen registriert.

 

Nur eins, das hören er und sein Kollege Andreas Müller von der Pressestelle der Polizei in Aachen gar nicht gerne. „So etwas wie eine Bürgerwehr darf es auch in Büsbach nicht geben.“ Mit Sorge registrierten sie die Nachricht, dass Bewohner des Neubaugebietes sich mit Baseballschlägern und Ähnlichem bewaffnen, um selbst reagieren zu können. „Das ist und bleibt Aufgabe der Polizei.“ Erneut appelliert Müller für den Fall der Fälle: „Wählen Sie die 110, rufen Sie die Polizei an. Wir kümmern uns!“

 

Und wenn es weniger dringend erscheint, wenn es Hinweise gibt oder auch irgendwelche andere Sorgen: „Sprechen Sie Winfried Heinen an“. Und der Polizeihauptkommissar hat noch ein anderes Beispiel parat dafür, dass es auf dem Kelmesberg besser ist als der Ruf, der dem Obdach vorauseilt. „Dort wohnt eine Seniorin in sehr bescheidenen Verhältnissen bestimmt schon seit 30 Jahren. Sie will dort gar nicht weg.“

 

Wenn er nicht gerade selbst vor Ort ist ...

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

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