War die Burg ein Gerichtsbau?

900 Jahre Stolberg. Zum Jubiläum geht der Blick zurück in die Vergangenheit. Auch der zweite Teil der kleinen Serie befasst sich mit der Wahrzeichen der Stadt. Spannende Geschichten.

Foto: Stadtarchiv
Foto: Stadtarchiv

Stolberg feiert sein 900-jähriges Bestehen. Aber was steckt eigentlich dahinter? Wie muss man sich die Verhältnisse 1118 und danach vorstellen? Teil 2 einer kleinen Serie, die sich diesem interessanten Thema widmet:

 

Die dünne und uneindeutige Quellenlage zur Stolberger Geschichte des Mittelalters erlaubt wenige konkrete Aussagen. Die Herren von Nesselrode oder von Efferen waren nun Angehörige des niederen Adels, die die Stolberger Herrschaft seit dem Spätmittelalter als Lehen innehatten.

 

Wilhelm von Nesselrode ist Stolbergs zweiter Burgenbauer, der ab 1445 einen neuen Bau errichtete. Die benachbarte Kirche St. Lucia dürfte einige Jahrzehnte jünger sein. Ob in der Burg Reste des Ursprungsbaues stecken, ist ohne aufwändige und tiefgehende Bauforschung nicht zu ermitteln. Bei einer siebzig Jahre öd liegenden Ruine aber auch wenig zu erwarten. Die Erkenntnis, dass die Burg überhaupt einmal zerstört und wieder neu errichtet wurde, setzt sich in der Wissenschaft seit einer Untersuchung des Historikers Eberhard Quadflieg von 1965 durch. Die Siedlungsentwicklung nahm mit der neuen Burg und herrschaftlichen Belebung einen neuen Anfang, dessen Kern die Altstadt bildet. Die mit Bauwerken, die nahezu alle nach 1500 datieren, bei aller Schönheit und historischen Authentizität keine wirklich mittelalterliche Substanz aufweist. Oftmals haben sich Deutungen oder Benennungen ergeben, die wissenschaftlicher Betrachtung oder auch dem Fortgang der Forschung nicht standhalten.

 

So auch die Deutungen der Bauteile der Burg seit dem Zweiten Weltkrieg, die Stolbergern geläufig sind. Der größte Turm der Burg verrät dem Fachmann schnell, dass er kein Bergfried ist, wie er für mittelalterliche Burgen typisch ist. Frühere Forscher hatten bei ihm nicht die Idee, dass es sich um einen spätmittelalterlichen Geschützturm handelte, der in seiner Dicke weitaus mächtiger und in seiner Höhe weitaus geringer war, als die Haupttürme früherer Burgen.

 

Der Burgbesitzer Moritz Kraus hatte ihn ab 1889 auf die heutige, doppelte Höhe gebracht, aber gemäß den Schriftquellen nie als „Bergfried“ bezeichnet. Der so genannte Dansker, ein Turm, der durch eine Brücke mit der Burg verbunden ist, war definitiv nie ein solcher „Toilettenturm“. Selbst der Rittersaal ist nicht unbedingt in der Größe in der ursprünglichen Burg so vorhanden gewesen.

 

Bauhistorisch belegt ist er als in zwei bzw. drei Räume unterteilter Bereich, der erst in den 1950er Jahren die heutige Gestalt (wieder?)erhielt. Daneben liegt ein Anbau, der gerne als „Kemenate“ bezeichnet wird. Das ist auch völlig unzutreffend, da dem alle Befunde widersprechen. Dort konnte auch die neuere Forschung ermitteln, dass es sich um einen Gerichtsbau mit entsprechendem Saal handelte.

 

Noch im 19. Jahrhundert wurden Wandschränke für Gerichtsakten erwähnt, die sich dort befanden. Wie auch die Stühle eines Gerichtes, die in französischer Besatzungszeit ins 1808 neu eingeführte Friedensgericht in Eschweiler überführt wurden. So erzählen die Quellen hinter den nackten Jahreszahlen richtig gedeutet spannende Geschichten, die altbekannte Inhalte zwar teils negieren, dafür aber umso interessantere Hinweise zu Tage fördern, die Stolbergs individuelle Geschichte sichtbar werden lassen.

 

Nimmt man den Geschützturm als eigentümliches Bauwerk zur Kenntnis, in dem vor 150 Jahren noch eine große Hakenbüchse aufgefunden wurde, oder sieht den Gerichtssaal als Ort der Selbstverwaltung, bekommt die Burg- und Stadtgeschichte mehr Tiefe als über mittelalterliche Klischeevorstellungen. So auch der Westturm mit seiner Renaissancehaube, in dem das „Bürgermeisterzimmer“ zu finden ist. In räumlicher Nähe zum Gerichtssaal und aus anderen Zusammenhängen erscheint die Bezeichnung als treffend und hier nicht als Äußerung einer zu freien Deutung. Schließlich oblag dem Schultheißen des Burgherrn die Verwaltung der Grundherrschaft und er hatte seinen Sitz auf der Burg. Ein Schultheiß war im allgemeinen Sprachgebrauch im Grunde identisch mit einem Bürgermeister. Und ein solcher Turm mit repräsentativem Kamin innen und eindrucksvoller Haube obenauf war dieser Funktion absolut angemessen.

 

Diese Grund- und Unterherrschaft Stolberg, die schließlich die kleinste des Herzogtums Jülich war, erlangte über die Jahrhunderte des Mittelalters und der Frühneuzeit nie territoriale Größe oder politische Bedeutung, mit Ausnahme der wirtschaftlichen wegen des Messinggewerbes. Das 1956 mit einem großen Fest begangene 100-jährige Stadtjubiläum gründete sich auf das 1856 erhaltene Stadtrecht, für das Stolberg eigentlich zu klein war. Mit wenigen Tausend Einwohnern hatte die preußische Regierung der Gemeindeverwaltung dieses wegen der wirtschaftlichen Bedeutung des wichtigen Industriestandortes zugebilligt.

 

Dieses Stichwort führt zu einem weiteren, häufigen Missverständnis der lokalen Geschichtsvermittlung: die Industrialisierung, die auch in Stolberg nach 1800 einsetzte, ist zu unterscheiden vom Metallgewerbe, das seit Jahrhunderten bestand und an sich ein verbreitetes Phänomen der Frühneuzeit ist. Das auf das enge Vichttal beschränkte Stadtgebiet begann auch erstmals nach 800 Jahren zu wachsen, als ab 1900 nach und nach kleinere und dann bis 1972 die größte Eingemeindungen vorgenommen wurden. Aus typischen und besonderen Ereignissen und Phänomenen, die hier noch weiter fortgeführt werden könnten, ergibt sich für das „alte“ Stolberg wie für die Stadtteile eine höchst individuelle Entwicklungslinie über 900 Jahre, die es lohnt, genauer und auch manchmal ganz neu betrachtet zu werden.

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

Bürgermeister der Stadt Stolberg
Dr. Tim Grüttemeier

 

Rathaus

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