Zu einem Teil der Familie geworden

Die Theiners aus Stolberg haben den Gastschüler Edgar Antonio Guzmán aus Guatemala bei sich aufgenommen. Er ist ihnen ans Herz gewachsen.

Foto: Leona Otte
Foto: Leona Otte

Wenn Edgar Antonio Guzmán mit seinem Basketball spielt, dann ist das damit verbundene Gefühl immer identisch. Ganz egal, auf welchem Kontinent der Erde er sich gerade befindet.

 

Geht man heute durch Büsbach, als jemand, der den jungen Mann hier kennengelernt hat, tauchen die mit ihm verbundenen Erinnerungen nahezu an jeder Straßenecke wieder auf: Edgar auf dem Weg zur Eisdiele, Karneval feiernd als Bambam Feuerstein verkleidet im Angie`s oder eben ganz typisch: Edgar auf dem Schulhof der Grundschule Bischofstraße, wo er gekonnt den Basketball von der einen bis zur anderen Seite dribbelt, ihn auf den Fingerspitzen seiner Hand herumwirbelt, als wäre der Ball die Welt selbst, die es für ihn zu entdecken gilt.

 

Dass diese Entdeckungsreise ausgerechnet hier in Stolberg beginnt, hätte zu Anfang wahrscheinlich niemand geahnt. Edgar stammt aus einer Stadt im Südwesten Guatemalas, genauer gesagt: aus Quetzaltenango. Die zweitgrößte Stadt des Landes. Durch einige seiner Mitschüler, die als Austauschschüler einer nach dem anderen in alle Herrenländer auszogen, wurde er auf die Chance aufmerksam. Und ehe er sich versah, packte ihn 2016 das Fernweh.

 

Unterdes war es in Stolberg Familie Theiner, die zu diesem Zeitpunkt ähnliche Gedanken an den Tag legte. Auf einem Sommerfest des Vereins „AFS Interkulturelle Begegnungen“ (AFS) in Aachen entstand die Idee, einen Gastschüler aufzunehmen, Jemandes Leben zu bereichern. Woraus letztlich Bestreben wurde.

 

Erste positive Erfahrungen sammelten die Theiners in Zusammenarbeit mit der Organisation zunächst als Notfallfamilie: „Das war für uns der Startpunkt, wo wir gesagt haben: Okay, das machen wir“, betont Melanie Theiner, selbst ehemalige Austauschschülerin. Drei junge Menschen wurden ihr und ihrem Mann, Jürgen Theiner, auf dem Papier vorgestellt. Schließlich fiel die Wahl auf Edgar, keine einfache Entscheidung, dafür aber mehr eine Fügung. Über 9200 Kilometer entfernt hat sich auch Edgar, nachdem er mit der AFS in Kontakt gekommen ist, entschieden: Deutschland, Österreich oder Norwegen. Fünf Monate bedurfte es der Vorbereitung: „Das hat alles sehr gut geklappt. Ich habe damals sehr viel Deutsch gelernt, organisiert und geplant. Der Verein stand mir dabei die ganze Zeit zur Seite“, wird Edgar später erzählen. Dann verabschiedet er sich von seiner Familie, darunter von seinen zwei jüngeren Schwestern, Jasmin und Gia, und betritt das Flugzeug – wohin? Natürlich hinaus in die Welt – in Richtung Stolberg.

 

16 Stunden Flug liegen hinter ihm. Dazu die Zugfahrt und ein kurzer Zwischenstopp beim Kölner Dom. Das Zusammentreffen zwischen Familie Theiner und Edgar am Bahnhof ist geprägt von Emotionen. Aufregung, Herzlichkeit, Umarmungen. Edgar realisiert währenddessen: „Ich bin endlich hier in Deutschland angekommen.“

 

Zu diesem Zeitpunkt ist es September. Die Monate vergehen, das alte Jahr weicht dem neuen, und Edgar lebt sich immer mehr ein. Er geht auf das Goethe-Gymnasium, lernt auf Anhieb Freunde kennen und meldet sich, um Basketball spielen zu können, beim Brander TV an.

 

2017 wird zu seinem Jahr. Vor allem mit seinen Gasteltern teilt er eine wunderbare Erfahrung, die sich aus vielen kleinen zusammensetzt: Fußballspiele und Konzerte ansehen, Spaziergänge, Ausflüge in andere Städte, Kino-, DVD- und Spielabende…

 

Melanie und Jürgen Theiner, deren zwei Töchter bereits „das Nest verlassen haben“, nehmen sich Zeit, obwohl beide, sie als Vorsitzende Richterin am Landgericht Aachen und er als Beamter bei der Deutschen Bahn, voll berufstätig sind.

 

So richtig Heimweh hat Edgar daher keines. Er telefoniert regelmäßig mit seiner Familie zu Hause. „Facetime“, nennt er das. Das Einzige, das ihm fehle, sei das mexikanische Essen aus Guatemala. Doch auch an Currywurst, Döner und Leberkäse könne man sich gewöhnen, flunkert der Austauschschüler.

 

Das Leben hier ist anders, nicht nur in Bezug auf das Kulinarische. Deutschland sei sehr groß und organisiert: „Es ist nicht so wie in meiner Heimat. In Guatemala gibt es viele Berge, die Städte sind sehr klein. Meine Stadt liegt 2300 Meter hoch“, berichtete der damals 17-Jährige. Da kann selbst der Fettberg in Stolberg nicht mithalten. Insbesondere die Armut daheim sei für ihn gravierend, erzählt Edgar nun wieder ernsthaft: „Es gibt so viele arme Leute, und die Regierung macht nichts dagegen.“ Das ist ihm zweifellos ein Dorn im Auge. Allerdings hat auch das Leben hier seine Vor- und Nachteile. Ihm gefällt zum Beispiel, dass alle Kulturen beisammen und die Nachbarländer so nah sind. Weniger dagegen: das Wetter.

 

Trotzdem würde er diese Zeit auf keinen Fall missen wollen: „Weil es eine unglaublich tolle Erfahrung ist, wenn zwei Kulturen einander kennenlernen. Und ich muss sagen, dass es viel schöner wäre, wenn es mehr Gastfamilien gäbe, die Austauschschüler aufnehmen würden.“

 

Genauso sehen das auch Melanie und Jürgen Theiner. Edgar, der mit seiner vertrauenswürdigen, hilfsbereiten und liebevollen Persönlichkeit, genauso ihr Leben bereichert hat, trug zu einer grundlegenden Veränderung bei. Sie haben mit ihm so viel Herzliches erlebt, so dass er zu einem Teil ihrer Familie geworden ist: „Edgar war so ein bisschen ein Wink des Schicksals. Ich kann mir kaum vorstellen, dass da noch ein zweiter Edgar kommt“, sagt Melanie Theiner, und ihr Mann Jürgen fügt dem hinzu: „Am Anfang dachte ich, dass ist unser Kind. Und so ist es jetzt auch. Unsere Türen stehen immer für ihn offen.“

 

Mittlerweile ist Edgar, nach insgesamt zehn Monaten in Deutschland wieder fort. Heimgekehrt. Die Theiners blicken zurück auf ein tolles Jahr 2017 mit ihm. Die Erinnerungen sind nach wie vor an allen Straßenecken zu finden. Und auch der Ball auf seinen Fingerspitzen wird sich weiterdrehen, so viel sei gewiss. Wohin die Reise als nächstes geht? Egal, wichtig ist: In Stolberg hat mit dem Kulturaustausch alles angefangen – etwas so Besonderes, das keinem von ihnen jemals in Vergessenheit geraten wird.

 

Immer wieder weltoffene Familien für Austauschprojekte gesucht

  • Für alle Beteiligten wäre die Erfahrung nicht möglich gewesen, ohne die Begleitung und Unterstützung von AFS.
  • Der gemeinnützige Verein für Jugendaustausch und interkulturelles Lernen arbeitet ehrenamtlich mit dem Ziel, die Entwicklung von interkulturellen Kompetenzen zu fördern und weltweit Toleranz und Völkerverständigung zu unterstützen.
  • Als Teil eines ganzen AFS-Netzwerkes arbeitet die Organisation mit gleichberechtigten Partnern in rund 50 Ländern auf allen Kontinenten zusammen.
  • Mehr als 450 000 Jugendliche und Gastfamilien aus aller Welt haben in den vergangenen 70 Jahren bereits an den AFS-Programmen teilgenommen.
  • So wie jetzt auch Edgar und Familie Theiner. Immer wieder kommen neue Schüler nach Deutschland, und immer wieder werden passionierte, weltoffene Gastfamilien gesucht, die bereit sind, ehrenamtlich ein Gastkind bei sich aufzunehmen.
  • So auch in Stolberg. Egal ob alleinerziehend, Singles, Paare – mit oder ohne Kinder – oder Gastfamilien 50+.
  • Interessierte können sich unter gastfamilie@afs.de oder 040 39922290 melden. Weitere Infos unter: www.afs.de.

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

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