Kupferhof als frühindustrielle Rarität

Industriemuseum Zinkhütter Hof hat mit seinen Exponaten eine identifikationsfördernde Wirkung in der gesamten Region.

Foto: D. Hackenberg. – www.lichtbild.org
Foto: D. Hackenberg. – www.lichtbild.org

In den letzten ein bis zwei Jahren wird immer mal wieder versucht, unsere Kupferhöfe als frühindustrielle Produktionsstätten zu vermarkten. So wurde beispielsweise am 11. Oktober eine Kupferhofführung unter der Überschrift „Kupferhöfe: Zeitzeugen der Industrialisierung“ angekündigt. Ganz offensichtlich möchte man mit dieser Strategie vom zunehmend positiven Image profitieren, welches in jüngerer Zeit mit dem Begriff Industriekultur verbunden ist.

 

Aus mehreren Gründen scheint es allerdings höchst fraglich, ob man mit diesem Ansatz den speziellen Gegebenheiten unserer Kupferstadt auch nur annähernd gerecht werden kann. Bevor man sich mit besagten Gegebenheiten näher befasst, dürften einige Anmerkungen darüber hilfreich sein, was denn heute unter dem Begriff „Industriekultur“ meist unbewusst und intuitiv verstanden wird. Der Ausdruck Industriekultur mit allem, was dazu gehört, interessiert in zunehmendem Maße bildungsbeflissene Bevölkerungsschichten und ist mittlerweile zum populären Massenphänomen geworden. Im Zuge der Fortentwicklung dieses Trends gewann in den 1970er Jahren auch der Aspekt regionaler Identität an Bedeutung.

 

Obschon eine allgemein akzeptierte Definition nicht existiert, wird dieser Begriff im kollektiven Bewusstsein vorwiegend mit dem Ruhrgebiet und mit der Zeitepoche des späten 19. beziehungsweise des frühen 20. Jahrhunderts in Verbindung gebracht. Als Keimzelle der Industriekultur gilt die zwischen 1899 und 1904 in Dortmund entstandene Zeche Zollern. Die außergewöhnliche Bergwerksarchitektur sollte den Führungsanspruch des Unternehmens sowohl gegenüber der Konkurrenz als auch gegenüber den Mitarbeitern visualisieren.

 

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu fatal, die Kupferhöfe als frühindustrielle Anlagen zu bezeichnen. Denn die allgemeine Vorstellung bezüglich historischer Zeitabfolgen ist stark beeinflusst von äußerst erfolgreichen Imagekampagnen, die im Ruhrgebiet initiiert wurden und deutschlandweite Beachtung gefunden haben. Insbesondere bei auswärtigen Gästen ist es somit obligat, nicht die frühindustrielle, sondern ganz explizit die frühneuzeitliche Zeitstellung der Kupferhöfe hervorzuheben.

 

Zur weiteren Differenzierung ist es fernerhin angebracht, auf Unterschiede zwischen den jeweiligen Unternehmensformen hinzuweisen, denn bei den Kupferhöfen handelt es sich nach heute gängigen Konventionen keineswegs um Industriebetriebe, sondern um vorindustrielle, klassische Manufakturen. Nur auf diesem Weg ist sichergestellt, dass der Status unserer Kupferhöfe als Alleinstellungsmerkmal nachvollziehbar bleibt und unsere interessante, vielgestaltige sowie traditionsreiche Geschichte auch von auswärtigen Gästen wahrgenommen werden kann.

 

Aber auch auswärtige Besucher mit stark ausgeprägtem Interesse an Industriekultur im heutigen Wortsinn sind in Stolberg bestens aufgehoben. Mit dem komplett erhaltenen Bauensemble des Industriemuseums Zinkhütter Hof kann Stolberg eine authentische, frühindustrielle Rarität vorweisen, die etwa 70 Jahre älter ist als die Zeche Zollern in Dortmund, welche das Attribut „Keimzelle der Industriekultur“ für sich in Anspruch nimmt.

 

Die Ende der 1970er Jahre entstandenen Begriffe „Kultur des Industriezeitalters“ beziehungsweise „Industriekultur“ waren ursprünglich auch mit der Intension einer musealer Aufbereitung der entsprechenden Sachthemen verbunden. Auch diesbezüglich kann der Zinkhütter Hof mit seinen Präsentationen, Exponaten, Sammlungen, Dokumentationen und Archiven auch hochgesteckte Erwartungen durchaus erfüllen. Außerdem ist die identifikationsfördernde Wirkung des Zinkhütter Hofes für die Region von sehr hoher Bedeutung.

 

Abschließend und zusammenfassend kann man der Stadt eigentlich nur raten, den Fokus auf Vielgestaltigkeit zu legen, statt mit einem monothematischen Ansatz zu werben, der überdies bei näherem Hinsehen und bei der heute üblichen Begriffsdeutung unglaubwürdig und wenig plausibel erscheinen muss.

 

Stolberg hat jedenfalls keinen vernünftigen Grund, seine bedeutende, vorindustrielle Wirtschaftsgeschichte zu verleugnen und durch die Fokussierung auf das Thema Industrie den Blickwinkel unserer Besucher völlig unnötigerweise zu verengen. Dass Industrie in Stolberg eine gewichtige Rolle spielt, wird unseren Besuchern (selbst wenn wir wollten) kaum verborgen bleiben. Wir können und sollten allerdings mit Selbstbewusstsein und mit gewissem Stolz auf den Zinkhütter Hof und auf den Umstand verweisen, dass die Industrialisierung Deutschlands hier in unserer Region begonnen hat.

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

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