Auf den Geburtstag folgt der Abschied

Haus Christophorus für Suchtkranke wird 20 Jahre alt. 2018 verlässt die Einrichtung Stolberg. Neubau in Herzogenrath-Merkstein.

Foto: Sonja Essers
Foto: Sonja Essers

Menschlichkeit, Verständnis und Herzlichkeit: Diese Begriffe stehen für Rainer Schäffer und seine Kollegen an erster Stelle. Er ist Leiter des Haus Christophorus in Stolberg. Das Wohnheim für alkohol- und medikamentenabhängige Frauen und Männer begeht in diesen Tagen seinen 20. Geburtstag. Es wird jedoch voraussichtlich die letzte Feier sein, die in Stolberg stattfindet. Der Grund: Schäffer, seine Kollegen und die Bewohner kehren der Stadt im kommenden Jahr den Rücken und ziehen in einen Neubau nach Herzogenrath-Merkstein. Doch von vorne.

 

Seit 20 Jahren beherbergt der Regionale Caritasverband Aachen in einem alten Patrizierhaus in der Von-Werner-Straße 14 Suchtkranke, nur wenige hundert Meter weiter befindet sich eine Außenwohngruppe mit vier Frauen und Männern. Der Ursprungsgedanke: „Man wollte Menschen, die aus dem klassischen Raster der Suchtberatungsstelle und Langzeittherapie herausfallen, Hilfe anbieten. Wer zu uns kommt, hat das nämlich meist schon hinter sich“, sagt Schäffer. Er weiß: „Es ist wichtig, mit den Ressourcen, die der einzelne Bewohner hat, zu arbeiten. Nur so bekommt man auch Selbstvertrauen.“ Ein wichtiges Stichwort. Schließlich sei gerade das Selbstbewusstsein bei Suchtkranken (siehe Infobox) oft nicht vorhanden, weiß Schäffer.

 

Wie es zu Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit kommt? „Es gibt irgendwann im Laufe der Sucht einen Zeitpunkt, an dem man sich einfach auffällig verhält und das merkt dann auch die Familie oder Kollegen“, sagt Schäffer. Jobverlust und auch die Abwendung der eigenen Familie bis hin zur Verwahrlosung seien häufige Konsequenzen. „Wenn man trinkt, ist man kein verlässlicher Arbeitgeber, Partner, Vater oder Mutter mehr. Oft führt das zu einer sozialen Verwahrlosung, weil man seine Rolle nicht mehr ausüben kann“, sagt Schäffer.

 

Wer in das Haus Christophorus kommt, hat nur ein Ziel: ein abstinentes Leben führen können. „Jeder kommt mit den gleichen Bedingungen zu uns und jeder hat das gleiche Ziel. Unsere Bewohner haben fast alle ähnliche Biografien und sie wissen alle, was es bedeutet, wenn man 20 oder 30 Jahre im Hochkonsum gelebt hat“, sagt Schäffer. Alleine aus einer Abhängigkeit rauszukommen sei in den meisten Fällen jedoch nicht möglich.

 

Aus diesem Grund spielt im Haus Christophorus die Gemeinschaft eine wichtige Rolle und die beginnt bereits beim Zuhören. „Wir haben für unsere Bewohner immer ein Ohr – Tag und Nacht“, sagt Schäffer. Wichtig sei zudem ein geregelter Alltag. „Es ist wichtig dem Tag ein Gesicht zu geben“, sagt Schäffer. Dazu gehören nicht nur Strukturen, Rituale und manchmal auch Konflikte. Jeder Bewohner hat auch eigene Aufgaben. Das Stichwort lautet Arbeitstherapie. In der Küche, im Garten, in der hauseigenen Holzwerkstatt oder auf dem Stolberger Gnadenhof arbeiten die Bewohner mit und verdienen sich so ein kleines Taschengeld dazu. Schäffer hat die Erfahrung gemacht, dass für die Bewohner ein geregelter Alltag die Genesung vorantreibt.

 

Die Bewohner fühlen sich in der Einrichtung wohl, weiß Schäffer und verweist auf die aktuelle Bewohnerumfrage, die im Haus Christophorus alle zwei Jahre ansteht. Gewöhnen mussten sich die Frauen und Männer jedoch zunächst daran, dass es im kommenden Jahr nach Herzogenrath-Merkstein gehen soll. Doch dieser Schritt sei unumgänglich gewesen.

 

Schließlich entspricht die Immobilie in der Von-Werner-Straße nicht mehr den gesetzlichen Vorgaben. Was das bedeutet? Bis Juli 2018 muss der Einzelzimmeranteil in stationären Einrichtungen

80 Prozent betragen. Im Haus Christophorus gibt es für die 14 Bewohner, die in zwei Wohngruppen aufgeteilt sind, nur vier Einzelzimmer. „Das reicht nicht mehr aus“, sagt Schäffer. Pro Wohngruppe ist zudem nur ein Bad vorhanden. Auch die Größe der einzelnen Wohnräume sei nicht aktuell.

 

Das soll sich mit dem so genannten Ersatzneubau, der behindertengerecht und barrierefrei wird, ändern. „Unsere Bewohner werden auf jeden Fall davon profitieren“, sagt Schäffer. Im neuen Zuhause erhält nämlich jeder Bewohner ein eigenes Zimmer mit Nasszelle.

 

Dass der Ersatzneubau nicht in Stolberg, sondern in Herzogenrath-Merkstein entsteht, war Zufall. „Wir wären natürlich auch hier geblieben, weil wir uns hier sehr wohl fühlen“, sagt Schäffer. Ein geeignetes Grundstück war jedoch nicht in Sicht. Vorstandsmitglieder des Caritasverbands Aachen, dem die Einrichtung angehört, entdeckten das Grundstück hinter der Kirche St. Johannes. Die Anwohner wurden auch schon über ihre neuen Nachbarn informiert. „Immer wieder gibt es Menschen, die Vorurteile haben. Deshalb ist es wichtig, dass wir den Menschen erklären, wer dort leben wird“, sagt Schäffer und fügt hinzu: „Zu unseren Nachbarn hatten wir immer ein gutes Verhältnis, unsere Bewohner fallen in keinster Weise auf.“

 

Die Ausschreibungen für den Bau laufen derzeit. „Ich hoffe, dass der erste Spatenstich noch in diesem Jahr stattfindet und wir dann im Sommer 2018 umziehen können“, sagt Schäffer. Ein genauer Termin für den Umzug stehe derzeit allerdings noch nicht fest. Dafür ist jedoch klar, dass auch die Außengruppe umziehen soll. „Wir haben vor, sie in die Nähe des Haupthauses zu holen“, sagt Schäffer. Derzeit werde noch eine geeignete Unterkunft für die vier Bewohner gesucht. Eine geringere Entfernung zwischen Haupthaus und Außenwohnstelle sei vorteilhaft, meint Schäffer.

 

Bevor der Leiter der Einrichtung jedoch an Abschied denkt, steht erst einmal der 20. Geburtstag im Vordergrund. Wer sich für das Haus Christophorus und die Arbeit darin interessiert, kann sich darüber noch in dieser Woche informieren. Im Rahmen des Jubiläums feiern die Bewohner und Mitarbeiter nämlich an diesem Freitag, 14. Juli, von 14 bis 17.30 Uhr ihr Sommerfest. Für das leibliche Wohl ist mit Waffeln und Spezialitäten vom Grill gesorgt. Auch musikalisch sollen die Gäste unterhalten werden. Wer möchte, kann auch an einer Hausführung teilnehmen. Nicht nur Nachbarn, sondern auch Interessierte sind zu dem Fest in der Einrichtung in der Von-Werner-Straße 35 herzlich eingeladen. Abschied gefeiert wird an diesem Tag natürlich noch nicht. Das stehe erst im kommenden Jahr auf dem Programm, sagt Rainer Schäffer.

 

Unterschätztes Problem: Medikamentensucht auf Platz zwei in Deutschland

 

  • Im April veröffentlichte die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen ihr Jahrbuch Sucht 2017. Auf dem ersten Platz landete die Abhängigkeit von Tabak, Medikamente und Alkohol folgten auf zwei und drei.
  • Alkohol sei weiterhin das beliebteste und zugleich gefährlichste und schädlichste Rauschmittel.
  • Nach Schätzungen in 2015 trank jeder Deutsche knapp einen Putzeimer reinen Alkohol. Das sind 9,6 Liter.
  • 74 000 Menschen sterben jährlich an den Folgen des Alkoholkonsums und den Erkrankungen, die dadurch entstehen. Mehr als drei Millionen Erwachsene leiden an einer alkoholbezogenen Störung – 1,7 Millionen sind abhängig, 1,6 Millionen trinken Mengen, die gesundheitsschädlich sind.
  • Auch Medikamentensucht spielt in Deutschland eine große Rolle, wird allerdings oft nicht wahrgenommen.
  • 1,2 bis 1,5 Millionen Deutsche sollen Schätzungen zufolge davon betroffen sein. Die Zahl derjenigen, die Medikamente nehmen, um wach zu bleiben, ihre Leistungsfähigkeit zu steigern oder auch abzunehmen – schätzen die Experten als ebenso groß ein.
  • Jedes Jahr werden in Deutschland rund 150 Millionen Packungen unterschiedlichster Schmerzmittel verkauft. Rund 70 Prozent davon seien frei in Apotheken erhältlich.
  • Oft würden Patienten, die bereits Schmerzmittel von Ärzten verschrieben bekommen haben, zusätzliche Medikamente kaufen. Dies kann zu unangenehmen Neben- und Wechselwirkungen führen.
  • Bedenklich sei laut den Autoren des Jahrbuchs Sucht, dass auch mehr besonders stark wirkende Schmerzmittel verschrieben würden. Auch in Fällen, in denen sie nicht notwendig sind.

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

Kandidat für den Städteregionsrat
Dr. Tim Grüttemeier

 

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