Explosionen vor der Tür machen Nachbarn Angst

Bürger fürchten nicht nur um ihre Häuser, wenn im Steinbruch Hastenrath gesprengt wird. Nachbarn: Der Sicherheitsabstand wird nicht eingehalten.

Fotos: R. Müller
Fotos: R. Müller

Der Schlag war so heftig, dass ganze Häuser erzitterten. Die Bewohner gleich mehrerer Häuser an der Hastenrather Straße Im Stollen trieb es auf die Straße. Und auch Landwirt Hans Peter Stenten, dessen Anwesen sich einige hundert Meter entfernt am Hang des Killewittchens befindet, glaubte zunächst an ein Erdbeben, als ein massiver Ruck die Standfestigkeit seines Hauses auf die Probe stellte. Auslöser der Wellen, die Anwohner in Angst und Schrecken versetzten: Sprengungen im Steinbruch an der Albertstraße. Sprengungen, die – davon sind die Anwohner überzeugt – nicht rechtens sind.

 

Die Erschütterungen sind bis Stolberg zu spüren. Auch hier machen sich Bürger inzwischen Sorgen.

 

Ärger mit dem Steinbruch der 1904 von Wilhelm Meyer gegründeten Hastenrather Kalkwerke gibt es seit Jahrzehnten. Bereits 1977 war der Vater eines Anwohners vor Gericht gezogen, als Meyer die Anwohner zwingen wollte, in ihren Häusern zu bleiben, wenn er Sprengungen durchführen wollte.

 

Bei einer dieser Sprengungen, so berichtet Hans Peter Stenten, kam ein Stein durch Stentens Hallendach geschossen. Der von Meyer gewollte „Hausarrest“ allerdings sei eine unzulässige Maßnahme, wie das Oberlandesgericht Köln feststellte. Meyer zog deswegen vor den Bundesgerichtshof. Der lehnte im März 1978 eine Revision ab und bestätigte damit die Auffassung der Anwohner. Ein von Servatius Stenten seinerzeit gegen die Hastenrather Kalkwerke erwirktes Urteil besagt, dass das Sprengen verboten ist, wenn sich Milchkühe auf der angrenzenden Weide befinden.

 

Anfang 2012 verkaufte Markus Meyer das Werk an die Firma Rheinkalk, ein Tochterunternehmen der belgischen Lhoist-Gruppe. Die legte das Werk Mitte des selben Jahres still. Um es drei Jahre später wieder zu reaktivieren. Seither wird hier nicht mehr Kalk gewonnen, sondern Schotter gebrochen. Im Mai 2015 begannen erneute Sprengungen. Und auf der obersten Sohle des Steinbruchs wurde ein mobiler Brecher installiert, dessen ständiger Lärm weithin zu hören war. Der steht zwar inzwischen eine Sohle tiefer, was aber die Anwohner nur wenig versöhnlich stimmt. Sie sind genervt. Auch durch die drastische Zunahme des Lkw-Verkehrs in Hastenrath und die damit einhergehende Staubbelästigung. 100 Lkw, so hat Anwohner Josef Hamacher gezählt, werden täglich im Steinbruch beladen, macht – Hin- und Rückfahrt gerechnet – 200 Lkw-Fahrten durch den Ort.

 

Das Schlimmste aber sind die Sprengungen. „Im Schnitt findet jede Woche eine statt“, sagt Stenten. Und die zeigen Wirkung, befürchten die Anwohner. Unter drei Häusern der Straße Im Stollen verlaufen Erzbergbaustollen. Die, so berichtet Josef Hamacher, könnten einem Gutachter zufolge durch die Sprengungen zum Einsturz gebracht werden. Schon 1990 gab es wenige Meter vom Haus Im Stollen 9 entfernt einen Einsturz von 4 x 4 Metern. In Hamachers Keller dokumentierte das Landesamt für Umweltschutz einen zwei Zentimeter breiten Riss.

 

Landwirt Hans Peter Stenten hat noch ein weiteres Problem: Unter seinem Kuhstall, in dem 70 Tiere stehen, befindet sich ein Gülletank – mit 500 000 Litern Gülle. „Was, wenn da durch eine Sprengung Risse auftreten?!“, sagt Stenten. Eine Frage, die er auch der zuständigen Bezirksregierung gestellt habe. „Die hat mir knapp geantwortet, dass ich allein für die Sicherheit des Behälters verantwortlich sei.“

 

Inzwischen hat das Problem eine neue Dimension angenommen. Denn bei Sprengungen beträgt der gesetzliche Sicherheitsabstand 300 Meter. Die Wohnhäuser Im Stollen aber liegen nur zwischen 160 und 200 Metern vom Ort der Sprengung entfernt. Mit Sondererlaubnis der Bezirksregierung darf die 300-Meter-Grenze in Ausnahmefällen unter Beachtung besonderer Sicherheitsmaßnahmen zwar unterschritten werden, aber beim Mindestabstand von 150 Metern ist endgültig Schluss. Stentens Weiden aber liegen nur 90 bis 100 Meter vom Sprengort entfernt. Weiden, auf denen er Milchkühe hält. Schon mehrfach hat Hans Peter Stenten vom Rand seines Grundstücks aus gemeinsam mit anderen Bürgern durch bloße Anwesenheit versucht, Sprengungen zu verhindern. Vergebens. „Einmal sind wir ins nahe Wäldchen Richtung Steinbruch gegangen. Mitarbeiter der Firma haben uns dort gesehen – und trotzdem gesprengt. Da waren wir nur 64 Meter vom Explosionsort entfernt“, berichtet Stenten, der daraufhin dem Unternehmen „versuchte Tötung“ vorwarf.

 

„Wir haben Angst um Leib und Leben“, betonen die Anwohner. Dass auch das Unternehmen um die von den Sprengungen ausgehende Gefahr weiß, belegt laut Josef Hamacher die Tatsache, dass Mitarbeiter des niederländischen Subunternehmers, der für die Rheinkalk in Hastenrath tätig ist, bei mehreren Sprengungen den Verkehr auf der Albertstraße angehalten und Fußgänger aufgefordert hätten, den Bereich vor den Wohnhäusern Im Stollen nicht zu betreten.

 

Dass die Sprengungen zudem mitten in einem 1990 vom Kreis Aachen bis ins Jahr 9999, also zeitlich unbegrenzt, festgesetzten Naturschutzgebiet liegen, treibt die Anwohner zusätzlich auf die Palme. In einen Naturschutzgebiet, das zahlreichen Kindern als Naturspielplatz dient. „Die Kinder aus diesem Wäldchen rauszuhalten, ist ein Ding der Unmöglichkeit“, sagt Stenten. „Da würde auch kein Zaun helfen. Niemand kann sicher sein, dass – wenn da gesprengt wird – sich nicht Kinder in der unmittelbaren Nähe aufhalten.“ Die Gefährdung der Kinder gilt auch für Erwachsene: Unmittelbar neben der Grundstücksgrenze verläuft auf mehreren hundert Metern Länge ein Wanderweg des Eifelvereins.

 

Immer wieder, so betonen Stenten und Hamacher, habe man das Gespräch mit der Bezirksregierung gesucht, um Klarheit über die strittigen Fragen zu erhalten. Klärende Auskünfte habe man nicht erhalten. Gleich ein Dutzend Anwohner von Albertstraße, Im Stollen und Killewittchen wandten sich daraufhin an Bürgermeister Rudi Bertram. Der leitete die Eingaben zuständigkeitshalber an das Dezernat Umwelt der Bezirksregierung weiter. Die sieht keinerlei Grund, aktiv zu werden.

 

Auf unsere bereits vor Wochen gestellte Anfrage unterstrich die Pressestelle der Bezirksregierung jetzt, dass die Abbauarbeiten innerhalb des genehmigten Bereichs stattfinden. Dies habe eine Überprüfung vor Ort Ende April bestätigt. „Die Grenzen ergeben sich aus einer Betriebsanzeige von 1984, die als Genehmigung im Sinne des Bundes-Immissionsschutzgesetzes gilt. Die Grenzen sind eindeutig durch Angabe von Flur und Flurstücken definiert.

 

Die Ausweisung eines Teils des Firmengeländes als Naturschutzgebiet stehe der Nutzung als Steinbruch nicht entgegen: „In der Ausweisung ist die Festsetzung enthalten, dass bestehende öffentlich-rechtliche Rechte von den Verboten unberührt bleiben. Somit ist der Abbau rechtlich weiterhin möglich.“ Soll heißen: Da die Abbaugenehmigung älter ist als das Naturschutzgebiet, käme ein Abbauverbot einer Enteignung gleich. Auch die Zweifel der Anwohner, dass das Schotterwerk, das zuvor als Kalkwerk firmierte, überhaupt über eine Betriebsgenehmigung verfüge, haben für die Bezirksregierung keine Berechtigung: „Der genehmigte Betrieb seit 1984 umfasste die Gewinnung von Kalkstein, der anschließend zum Teil in einem Kalkofen gebrannt und als Brandkalk verkauft wurde. Ein anderer Teil wurde zu Kalksteinschotter gebrochen und ungebrannt verkauft. Der erste Bereich ist komplett stillgelegt und demontiert worden, der zweite Bereich wird nach wie vor aufrechterhalten und ist auch so genehmigt.“

 

Alles in bester Ordnung also? Die Antwort der Bezirksregierung wird die um ihre Gesundheit und ihre Häuser fürchtenden Anwohner allerdings kaum zufriedenstellen können.

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

Kandidat für den Städteregionsrat
Dr. Tim Grüttemeier

 

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