Altstadt-Anekdoten, auf Platt serviert

Einmal im Jahr bietet die Stolberg-Touristik eine ganz besondere Altstadt-Führung an. Besonders Einheimische zeigen Interesse.

Foto: S.-L. Gombert
Foto: S.-L. Gombert

Führungen durch die Altstadt gibt es viele. Die Stolberg-Touristik bietet Brauhaus-Führungen, Burg-Führungen und Kupferhofführungen regelmäßig an. Doch in der Regel nur einmal pro Jahr, am Karnevalswochenende, lädt der pensionierte Lehrer, Peter Sieprath, zu einer Führung in Stolberger Mundart ein.

 

Auf dem Plan steht heute die Altstadt mit all ihren Schätzen, „eine der schönsten Altstädte in ganz Nordrhein-Westfalen!“, erklärt Sieprath. Und die, die seiner Einladung gefolgt sind, sind zwar wenige. Aber es sind Stolberger, die zwar ihre Stadt eigentlich schon ziemlich gut kennen – die sich aber trotzdem auf einen geführten Spaziergang durch die Gassen der Altstadt freuen. Und die Erläuterungen gibt es auf Stolberger Platt.

 

Die Führung beginnt auf dem Offermannplatz, für Sieprath einer der schönsten Plätze, die Stolberg zu bieten hat. Der begeisterte Gästeführer berichtet von den Tuchmacher- und Kupfermeisterdynastien, die sich in Stolberg niedergelassen haben. Viele Details kennen die Zuhörer schon. Auch die 91-jährige, alteingesessene Stolbergerin Helene Schuhmacher, die die Anekdoten des Gästeführers an der ein oder anderen Stelle um einen interessanten Hinweis ergänzt.

 

Über den Vichtbach, der – das weiß Peter Sieprath zu berichten – vom Nachtigällchen bis zur Mühle ein Gefälle von rund 40 Metern hinabfließt, geht es auf die Klatterstraße, einst eine wichtige Einkaufsstraße in Stolberg.

 

Hier liegt auch ein ehemaliges Brauhaus. „Die Lage war perfekt, um das Bier im Vichtbach zu kühlen und anschließend in den Stollen unter der Burg zu deponieren“, sagt Sieprath. Dass die Burgstollen nicht nur von den Bierbrauern zum Lagern der Getränke genutzt wurden, das weiß Helene Schuhmacher ganz genau: „In den Stollen haben sich die Bürger im Krieg versteckt vor den Angriffen“, sagt sie.

 

Weiter geht es hinauf zur Burg. Wie die einmal in ihrer ursprünglichen Form ausgesehen hat? „Wess mer net!“, sagt Sieprath. Ein erstes Bild liefere aber eine Zeichnung vom Tal der Vicht, auf der auch die Burg zu sehen ist, wie sie wohl Wilhelm von Nesselrode im 15. Jahrhundert neu errichten ließ. Und das, was wir heute als Stolberger Burg sehen? „Hamm‘wer Moritz Kraus zu verdanken“, sagt Peter Sieprath, und erklärt, dass der Metallfabrikant Kraus Gefallen am Mittelalter hatte, und die Burg nach dem Vorbild einer mittelalterlichen Ritterburg neu aufbauen ließ.

 

„Dabei war dat‘ en Festung! Wat dä jemaat hat, dat is Hollywood.“ Kraus war mit seinem Ansinnen, dem alten Gemäuer ein mittelalterliches Aussehen zu verpassen, in guter Gesellschaft: Der Historismus hatte zum Ende des 19. Jahrhunderts in der Architektur Hochkonjunktur.

 

Einen guten Blick hat man von der Burg aus auch auf einen Teil der Stadt, der etwas später Hochkonjunktur hatte: die Industrieunternehmen entlang der Zweifaller Straße. „Das war früher ein Anblick, wenn nach Feierabend Tausende Menschen von den Firmen in die Stadt liefen“, sagt einer der Teilnehmer an der Gästeführung. Erinnerungen an vergangene Jahrzehnte werden ausgetauscht.

 

Auch, dass die Cockerillstraße in Münsterbusch mal den wenig schmucken Beinamen „de Sickstrooß“ trug, zaubert dem ein oder anderen ein wissendes Schmunzeln ins Gesicht.

 

Hinter der Burg entlang bewegt sich die kleine Gruppe in Richtung Vogelsangkirche, ein auf den ersten Blick vielleicht unscheinbares, aber nicht weniger eindrucksvolles Gotteshaus. „Die reichen Protestanten, die Reformierten, haben sich in der Finkenbergkirche zusammengefunden“, sagt Peter Sieprath. Auch der auf seine Weise einzigartige Kupfermeisterfriedhof erinnert daran.

 

Die Vogelsangkirche, erbaut in der Mitte des 17. Jahrhunderts, hingegen sei die Kirche der Lutheraner gewesen, der einfacheren Protestanten. „Die Vogelsangkirche is die älteste lutherische Kirsch zwischen Stolbersch und Köln“, sagt Sieprath.

 

Apropos Vogelsang: Gab es da nicht dieses Lied? Und wo könnte man das „Vogelsängerlied“ von Ernst Grüber und Peter Bonaventura besser singen als im Vogelsang? Gesagt, getan: Sieprath stimmt an, die Gruppe singt – und bekommt nach der Darbietung Stolbergs heimlicher Nationalhymne auch Applaus. Eine Anwohnerin hatte das Fenster geöffnet und zugehört.

 

Wie im Flug sind knapp zwei Stunden vergangen, Peter Sieprath hätte aber sicher noch viel mehr Anekdoten zu erzählen gewusst. Vielleicht gibt er sie ja bei der nächsten Mundart-Führung zum Besten. Bis dahin gibt Helene Schuhmacher der Runde noch einen Rat: „Es lohnt sich, einmal in Ruhe durch die Altstadt zu spazieren und sich die alten Türen anzuschauen. Die haben eine Menge miterlebt.“

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

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