Ein Orkan verändert den Stadtwald

Heute vor zehn Jahren fegt „Kyrill“ über Europa. In Stolberg macht der Sturm vor allem den Forstwirten eine Menge Arbeit.

Foto: S.-L. Gombert
Foto: S.-L. Gombert

20 000 Festmeter Holz sind ihm in Stolberg zum Opfer gefallen, mehrere Monate lang war seinetwegen der Zugang zum Stadtwald gesperrt: Genau zehn Jahre ist es her, dass der Orkan „Kyrill“ mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 225 Stundenkilometern über ganz Europa fegte, auch über das Rheinland und die Stadt Stolberg. Verletzt wurde in der Stadt damals zum Glück niemand, auch schlimmere Unfälle blieben aus. Doch das Gesicht des Kupferstädter Waldes hat sich ein Stück weit verändert.

 

Wie heftig die Auswirkungen von „Kyrill“ auf den Forst waren, zeigt ein einziger Blick in Theo Preckels Unterlagen. „Wir haben 2007 das Dreifache des normalen Holzeinschlags verzeichnet“, sagt der Förster im Gespräch mit unserer Zeitung. Waren es 2006 gerade einmal 7900 Festmeter Holz, die geschlagen und vermarktet wurden, stieg die Zahl im „Kyrill“-Jahr 2007 auf knapp 25 000 Festmeter. „Das Forstamt hat seinerzeit schnell reagiert, das war unser großer Vorteil“, erinnert sich Preckel. Gleich nach dem Sturm habe man das Holz verkauft – schneller als die meisten anderen Kommunen, die dann zum Teil Schwierigkeiten hatten, die geworfenen Bäume loszuwerden. Der Markt an Fichtenholz war schnell gesättigt.

 

Denn es waren vor allem Fichten, die „Kyrill“ umgehauen hatte: „Die Fichte ist ein flach wurzelnder Baum“, erklärt Theo Preckel, „darum wird sie bei Sturm leichter umgeworfen.“ Buchen hingegen haben herzförmige Wurzeln: „Die werden nicht so leicht geworfen“, so der Förster, „aber bei starkem Sturm können sie brechen.“ Das „Kyrill“-Sturmholz aus Stolberg wurde seinerzeit vor allem nach Belgien verkauft. „Das Material wurde hauptsächlich zu Bretten und Balken gesägt, ein Teil wurde für die Verpackungsindustrie verwandt“, sagt Preckel.

 

Zwei Monate hat es gedauert, bis das Holz mit zum Teil schwerem Gerät aus dem Stolberger Wald herausgeholt worden war und die Wege auch wieder für Spaziergänger freigegeben werden konnten: „Auch hier hatten wir Glück, dass wir die Spezialfirmen recht schnell an uns binden konnten“, sagt Preckel. Als er sich einen ersten Überblick über die Schäden verschafft hatte, hätte er selbst niemals damit gerechnet, dass man innerhalb von zwei Monaten das geworfene Holz entfernt haben würde. Normalerweise würden die schweren Geräte auch mitten im Winter nicht im Wald zum Einsatz kommen, doch im Falle von „Kyrill“ hatte man einfach keine andere Wahl. Anderswo habe es Jahre gedauert, eh die Sturmschäden beseitigt worden wären. Das Aufforsten in Stolberg hat drei Jahre gedauert.

 

Bei einem Gang durch den Wald merkt man schnell, dass sich durch „Kyrill“ einiges verändert hat, insbesondere zwischen Breinigerberg und Venwegen: Dort, wo 80 Jahre alte Fichten standen, wachsen heute zum größten Teil Buchen oder Douglasien nach. Der Höhenunterschied zu den Bäumen in der Umgebung zeigt, dass es sich um relativ junge Anpflanzungen handelt. Seit 2007 wurden insgesamt 204 000 Rotbuchen, 11 500 Eichen, 9200 Erlen, 1500 Wildkirschen, 97 500 Douglasien sowie 1000 Lärchen auf die entstandenen Windwurfflächen angepflanzt. Schuld an dem Wurf waren neben „Kyrill“ in 2007 auch die Stürme „Emma“ und „Kirsten“ in 2008 sowie im Jahre 2010 der Sturm „Xynthia“.

 

Auch finanziell hat sich „Kyrill“, der alleine in Nordrhein-Westfalen 25 Millionen Bäume umwarf, in der Kupferstadt bemerkbar gemacht, und zwar positiv: Der Verwaltungsbericht für das Forstwirtschaftsjahr 2007 weist Einnahmen in Höhe von mehr als 1,478 Millionen Euro aus. Dem standen seinerzeit Ausgaben von nur knapp 585 000 Euro gegenüber. Das macht ein Plus von fast 900 000 Euro. Vier Fünftel des Holzverkaufs sind den Orkanschäden aus dem Januar zu verdanken.

 

„Durch die vielen Laubbäume ist der Wald zwar etwas weniger wirtschaftlich geworden, dafür ist er aber ökologischer und auch abwechslungsreicher“, erklärt Theo Preckel. So wächst beispielsweise das Buchenholz deutlich langsamer als das der Fichten, auch lässt es sich nicht wirklich gut verkaufen – meist nur als preiswertes Brennholz. „Aber aus Sicht des Naturschutzes ist ein Mischwald wertvoller als ein reiner Fichtenwald“, sagt der Förster. Und das Prinzip der Nachhaltigkeit sei in der Forstwirtschaft ganz fest verankert. „Das gefällt nicht nur den Waldbewohnern, auch viele Spaziergänger mögen einen lichten Mischwald lieber als einen dunklen, reinen Fichtenwald“, sagt Theo Preckel.

 

Ob und wann es wieder einen solch heftigen Sturm in Stolberg geben wird, lässt sich nicht voraussagen. Kann man sich denn auf ein Ereignis wie „Kyrill“ oder einen der anderen Stürme vorbereiten? Theo Preckel schüttelt den Kopf: „Auf solche Stürme kann man sich nicht wirklich vorbereiten“. Doch durch geschicktes Wirtschaften und durchdachtes Aufforsten lassen sich die Schäden für den Stolberger Stadtwald dennoch in Grenzen halten.

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

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