Eine Stadt blickt in ihre digitale Zukunft

Beim Neujahrsempfang der Stadt Stolberg dreht sich alles um Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung.

Foto: S. L. Gombert
Foto: S. L. Gombert

Schöne neue Welt oder doch eher das unbekannte „Neuland“ voller Risiken? Rund um das Thema Digitalisierung unserer Gesellschaft drehte sich am Mittwochabend alles beim Neujahrsempfang der Stadt Stolberg. Rund 350 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Vereinen und Institutionen waren der Einladung ins Museum Zinkhütter Hof gefolgt. Es war damit einer der am besten besuchten städtischen Neujahrsempfänge der vergangenen Jahre.

 

Warum die Stadtspitze sich den digitalen Wandel als Thema für den Neujahrsempfang ausgesucht hatte, erklärte Bürgermeister Tim Grüttemeier in seiner Begrüßung. „Das Internet mit seinen vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten überfordert Teile unserer Gesellschaft“, so das Stolberger Stadtoberhaupt. Es sei wichtig, dass die Menschen auf die zunehmende Digitalisierung des Alltags reagieren, sich den Chancen und Herausforderungen für den Alltag, für die Wirtschaft und auch für den Bildungssektor stellen. Auf die weniger schönen Seiten der digitalen Welt ging Grüttemeier ebenfalls in seiner Rede ein. „Viele Menschen, auch bei uns in Stolberg, haben das Gefühl, dass grundlegend etwas falsch läuft in unserer Gesellschaft“, sagte er. Der Zuspruch zu neuen radikalen Bewegungen sei dafür ein deutliches Zeichen, „ebenso die zunehmende Hysterie in den sozialen Netzwerken.“

 

Besorgniserregend ist aus Sicht des Stadtoberhaupts dabei vor allem die sinkende Hemmschwelle einiger weniger, eindeutig verfassungsfeindliche Beiträge zu veröffentlichen, gegen andere Menschen namentlich zu hetzen und öffentlich zu Gewalt aufzurufen.

 

Dass es in der digitalen Welt aber nicht immer „ganz so schrecklich“ zugeht, das unterstrich Professor Dr. Stefanie Paluch von der RWTH Aachen, Festrednerin an dem Abend. Die Expertin für Dienstleistungs- und Technologiemarketing ging in ihrem Beitrag auf die digitalen Trends in sechs unterschiedlichen Bereichen ein: Vernetzung, Individualisierung, Convenience, Technologisierung, Sharing Economy und Nachhaltigkeit. „Unsere Gesellschaft ist immer vernetzter“, erklärte Paluch. Das liege alleine schon an den vielen Smartphones, die im Umlauf sind. Durch vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten wird der Austausch der Menschen unkomplizierter, aber auch schnell­lebiger.

 

Damit einher gehe auch die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft, ebenfalls katalysiert durch den digitalen Wandel: Längst kann sich jeder im Internet sein Wunsch-Auto mit passender Ausstattung und in der Lieblingsfarbe zusammenstellen, auch selbst entworfene Turnschuhe lassen sich bequem über das Internet bestellen. Und weil die Menschen immer bequemer werden, wird „Convenience“ immer wichtiger: „Der Lieferdienst Amazon hat sich die Antizipatorische Paketlieferung patentieren lassen“, berichtet die Wissenschaftlerin. Das bedeutet, dass der Konzern auf Grundlage des bisherigen Kaufverhaltens seiner Kunden Vorhersagen trifft, was sie als nächstes kaufen werden. Das neue Buch des Lieblingsautors liege dann in einer Lieferstation nahe des Wohnorts bereit, „sie müssen es dann nur noch kaufen.“

 

Das Thema Technologisierung spielt, erklärte Paluch, vor allem für Unternehmen eine große Rolle: Durch geschickten Einsatz von beispielsweise 3-D-Druckern ließen sich Produktionsprozesse effizienter gestalten. Gleichzeitig biete das Internet den Kunden die Möglichkeit, einen „kollaborativen Lifestyle“ auszuleben: Man kann Autos teilen, Häuser oder den eigenen Garten. „Besitz ist out“, lautet Paluchs zugespitzte These.

 

Chancen sieht die Expertin auch beim Thema Nachhaltigkeit durch Digitalisierung: Sowohl im Bereich Mobilität als auch in der Bildung biete das Internet neue Möglichkeiten.

 

Wie der Bildungssektor mit dem Thema Digitalisierung umgeht, das wollte in der Podiumsdiskussion Moderatorin Laura Beemelmanns von Dr. Uwe Bettscheider wissen, der ab dem kommenden Schuljahr neuer Leiter des Stolberger Ritzefeld-Gymnasiums sein wird. „Ein richtiger Lehrer wird nicht durch den Computer ersetzt werden“, erklärte er. Denn auch wenn Kinder und Jugendliche heutzutage einen ganz natürlichen Umgang mit Smartphones und Tablets pflegten, käme es in der Schule auf das Menschliche, auf das Emotionale an. Gleichwohl mahnte Bettscheider, den Nachwuchs in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern stärker zu fördern. „Da steht uns viel Arbeit bevor.“

 

Mit der Arbeit fast fertig sind Yvonne Rollesbroich und ihr Team von der EWV bei der Umsetzung von Freifunk in Stolberg: Der Energieversorger hat nahezu die komplette Innenstadt mit frei verfügbarem WLAN ausgestattet. „Und ich denke, auch am Stolberger Hauptbahnhof, der gerade umgebaut wird, könnten wir Freifunk umsetzen“, bot sie spontan auf der Bühne an.

 

Dass ein Leben in der digitalen Welt für die junge Generation längst Alltag ist, bestätigte Jorick Espeter, Vertreter des Stolberger Jugendparlaments: „Für uns als Jugendparlament spielen die sozialen Medien eine große Rolle“, sagte er. Er und seine Mitstreiter wollten versuchen, das politische Interesse der jungen Leute zu wecken, „und in den sozialen Netzwerken gelingt es uns vielleicht besser, sie abzuholen.“ Dass dies auch die Stadtverwaltung versucht, bekräftige Bürgermeister Tim Grüttemeier: „Es gibt viele Menschen, die wir am besten über diese neuen Kanäle erreichen, wenn wir wichtige Informationen an die Bürger herausgeben wollen.“

 

Ganz analog, aber nicht weniger bedeutsam für den Empfang, präsentierten sich am Mittwoch die knapp 20 Musiker des Männergesangvereins der Siedlergemeinschaft Donnerberg. Der Verein, der in diesem Jahr sein mittlerweile 50-jähriges Bestehen feiert, sorgte für einen feierlichen musikalischen Rahmen der Veranstaltung.

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

Kandidat für den Städteregionsrat
Dr. Tim Grüttemeier

 

Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)

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