Wenn der Weg in die City zur Qual wird

Corinna Münch ist Rollstuhlfahrerin . Sie muss durch ihre Behinderung viele Hürden überwinden. Problem öffentliche Verkehrsmittel.

Foto: Annika Thee
Foto: Annika Thee

Für Corinna Münch (32) aus Zweifall beginnen die Probleme direkt vor der Haustür. Die Mutter von drei Kindern leidet an einer Muskelkrankheit, durch die sie zur Fortbewegung auf ihren Rollstuhl angewiesen ist. Die Rampe, die die Familie vor dem Haus angebracht hatte, damit Corinna Münch mit dem Rollstuhl die hohe Bordsteinkante vor ihrem Haus überwinden konnte, wurde geklaut. Nachdem ihr Mann, Sebastian Münch, auf Facebook seine Wut über den Diebstahl der Rampe Luft machte, bot das Bauunternehmen Gebrüder Kutsch an, den Bordstein vor dem Haus in Zweifall kostenlos abzusenken, was kurz darauf auch geschah. Dies war notwendig, da der Bordstein direkt neben dem Haus zu schmal für den Rollstuhl ist.

 

Nun kann die dreifache Mutter immerhin die vielbefahrene Jägerhausstraße überqueren, wenn sie ihre Kinder zur nahe gelegenen Grundschule bringen möchte. „Zebrastreifen in der Nähe der Grundschule würden nicht nur mir, sondern auch den Schulkindern den Weg erleichtern und dazu beitragen, dass Fußgänger sich sicher in Zweifall bewegen können“, sagt die 32-Jährige.

 

Die Rollstuhlfahrerin zeigt auf dem Weg von Zweifall über Vicht nach Stolberg viele Stellen auf, die nicht nur ihr, sondern vielen körperlich eingeschränkten Menschen regelmäßig zu schaffen machen.

 

Besonders die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs ist für Corinna Münch eine große Herausforderung, die sie möglichst zu vermeiden versucht. Die Rollstuhlfahrerin erzählt von Busfahrern, die sie an der Haltestelle stehen ließen, weil sie nicht selbst in der Lage war, die Rampe auszuklappen und von Bussen, die vor ihrer Nase wegfuhren, weil sie auf der Suche nach einem abgesenkten Bordstein zum Erreichen des Bussteigs manchmal hunderte Meter zurücklegen muss, wo gesunde Menschen nur schnell die Straße überqueren.

 

Dies ist besonders an der Haltestelle Vicht Kirche oder am Kreisel in Nachtigällchen der Fall. Hier muss Corinna Münch umsteigen, wenn sie zur Schule ihrer beiden Töchter oder Termine in die Stolberger Innenstadt wahrnehmen muss. Nicht selten hat sie aufgrund der Umwege und der kurzen Umsteigezeiten bereits den Anschlussbus verpasst, der nur einmal in der Stunde fährt.

 

Immerhin haben sich die Hartnäckigkeit und der Kampfgeist der Stolbergerin bezahlt gemacht. Nach unzähligen Telefonaten mit der Aseag fahren zumindest in Zweifall nur noch Busse mit einer Rampe für Rollstuhlfahrer.

 

Der Mühlener Bahnhof hat für Rollstuhlfahrer ebenfalls seine Tücken. Der Weg vom Gleis in die Innenstadt war nicht geräumt. Durch den Schnee wurde der Gehweg trotz spezieller „Mountainbike-Räder“, mit denen Corinna Münch ihren Rollstuhl bereits ausgestattet hat, zu einer Rutschpartie. Außerdem passte sie kaum zwischen den auf der Mitte des Gehwegs platzierten Laternen und dem Gestrüpp am Gehwegrand durch, obwohl ihr Rollstuhl mit eine Breite von 50 Zentimetern schmaler ist als der vieler anderer Rollstuhlfahrer. Mit dem deutlich breiteren Elektro-Rollstuhl, der für die Stolbergerin bei längeren Strecken unverzichtbar ist, würde sie in jedem Falle nicht den Gehweg nutzen können. Auch Mütter mit Kinderwägen und Senioren mit Rollatoren werden durch die Platzierung der Straßenlaternen mitten auf dem Gehweg dazu gezwungen, auf die Straße auszuweichen und somit auf die Busspur zu gelangen. Ein noch gefährlicheres Szenario ergebe sich laut Münch auch auf der vielbefahrenen Zweifaller Straße stadteinwärts. „Wenn die großen Werbeplakate an den Laternen platziert werden, gibt es für Rollstuhlfahrer auf dem Gehweg praktisch kein durchkommen mehr“, kommentierte Corinna Münch.

 

All diese Hindernisse auf dem Weg von ihrem Zuhause in die Stolberger Innenstadt führen dazu, dass Corinna Münch bei Terminen, zu denen sie nicht zu spät kommen darf, immer auf die Hilfe ihres Mannes Sebastian angewiesen ist, der sie dann mit dem Auto in die Stadt fährt. Allerdings passt in das Auto nur der normale Rollstuhl, nicht aber der elektrische. Laut Kraftfahrzeughilfe-Verordnung (KfzHV) stünde Corinna Münch nur dann ein behindertengerechtes Auto zu, wenn sie dieses für den täglichen Weg zur Arbeit nutzen würde.

 

Dass sie selbst an den Rollstuhl gefesselt und gleichzeitig Mutter zweier körperlich beeinträchtigter Kinder ist, reicht per Gesetz nicht für den Anspruch auf ein Fahrzeug, das sie selbst bedienen könnte. „Es ist ein Teufelskreis.“ sagt Corinna Münch, „Ohne Auto komme ich nicht zu Terminen oder Vorstellungsgesprächen, aber ohne Job habe ich keinen Anspruch auf ein Auto, dass ich selbst fahren kann“. Nach dem langen und beschwerlichen, teilweise auch gefährlichen Weg in die Stolberger Innenstadt fällt Corinna Münch auf, dass ein Großteil der Geschäfte selbst im Erdgeschoss nur nach einigen Stufen zu erreichen ist. Auch die schweren Eingangstüren machen es Menschen wie Corinna Münch besonders umständlich, in die Geschäfte zu gelangen. Rampen für Rollstühle – Fehlanzeige. „Dabei ist es mit der Aktion ‚Tausendundeine Rampe‘ ganz leicht, kostenlos eine Rampe für sein Geschäft zu erhalten“, erklärt Corinna Münch. Die Aktion „Tausendundeine Rampe“ sammelt Spendengelder und verteilt Rampen dort, wo Orte des öffentlichen Lebens bisher nicht rollstuhlgerecht sind. Durch Spendengelder kann die Aktion die Rampen, deren Kosten sich pro Stück auf 100 Euro belaufen, vor Geschäften und Cafés aufstellen.

 

Corinna Münch hat die Geschäftsinhaber in der Fußgängerzone auf die Aktion hingewiesen. Viele hätten allerdings abgewunken, da sie keine große Nachfrage erkennen und sich der Aufwand und die Kosten für eine solche Rampe wohl schlicht nicht lohnen würden. Bis vor einigen Jahren konnten Menschen mit Behinderungen ihre Probleme und Anliegen beim Behindertenbeirat der Stadt Stolberg melden. Dieser setzte sich bei der Stadt dafür ein, dass die Belange der Mitbürger bei der Stadtplanung Berücksichtigung fanden. Allerdings wurde der Behindertenbeirat mit den letzten Kommunalwahlen im Jahr 2014 aufgehoben. Übrig geblieben sind drei Vertreter, die eine beratende Funktion im Ausschuss für Soziales und Generationengerechtigkeit ausüben, aber dort nicht stimmberechtigt sind. Die weiteren Befugnisse wurden dem Inklusionsbeauftragten der Stadt, Lukas Franzen übertragen.

 

Drei Fragen an Lukas Franzen

Wie werden Sie auf Bereiche aufmerksam, die für Mitbürger mit Behinderungen problematisch sind?

 

Franzen: Aufgrund der guten Zusammenarbeit mit der Behindertenvertretung im Sozialausschuss (ASG) erhalte ich Anregungen zur barrierefreien Gestaltung von neuen Bauvorhaben oder Straßensanierungen. Diese Hinweise sind sehr nützlich und werden in den Planungen berücksichtigt, in die ich als Inklusionsbeauftragter eingebunden bin.

 

Was unternimmt die Stadt, um schwer zugängliche Orte für Menschen mit Behinderungen erreichbarer zu machen?

 

Franzen: Insbesondere Burg und historische Altstadt halte ich für Menschen mit körperlicher Behinderung buchstäblich für kein einfaches Pflaster. Jedoch existieren barrierefreie Hilfsmittel in der Stadt wie abgesenkte Bürgersteige und Leitsysteme. Barrierefreiheit im öffentlichen Raum stellt für mich einen äußerst wichtigen Baustein der Inklusion dar, die mit der Entwicklung des Aktionsplans Inklusion weiter forciert wird.

 

Welche Fortschritte gibt es, damit Menschen mit Behinderungen den ÖPNV besser nutzen können?

 

Franzen: Die Kupferstadt ist in diesem Bereich auf die Zusammenarbeit mit den ÖPNV-Anbietern angewiesen, mit denen es einen kontinuierlichen Dialog gibt. An einigen Haltestellen Stolbergs wurden sogenannte besonders erhöhte Bürgersteige geschaffen, die Rollstuhlfahrern das Passieren der Bustüren erleichtern sollen.

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten

Kandidat für den Städteregionsrat
Dr. Tim Grüttemeier

 

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